Kinder aus den Büchern von Karin

 
Du bist doch mein Vater

Marie-Claire

(aus: "Du bist doch mein Vater")


11 Jahre

Das Tagebuch der Marie-Claire

- Februar bis Oktober -

27. Februar

Heute ist mein Geburtstag. Jetzt bin ich elf. Endlich! Von Mama habe ich Lackschuhe bekommen, die ich schon so lange wollte. Die mit Absatz und vorne so einer kleinen Lasche mit Fransen dran. Wenn das die anderen sehen, platzen sie vor Neid. Vati sagt, wenn ich brav bin, bringt er mir Tanzen bei. Wo ich jetzt die richtigen Schuhe dafür habe. Als ob ich nicht immer brav wäre. Naja, meistens.

Von Vati habe ich eine Kette bekommen, echt Gold, mit einem Marienkäfer als Anhänger. Weil er doch immer sagt, ich wäre sein süßer Käfer.

Von Tante Mia habe ich diesmal kein Geld und auch keine neue Wäschegarnitur bekommen. Sie hat mir dieses Tagebuch geschenkt. Eigentlich habe ich gar keine Lust zu schreiben. Aber sie sagt, wenn ich groß wäre, hätte ich eine schöne Erinnerung an alles. Ich müßte wirklich alles reinschreiben, was passiert oder was ich denke. Sie sagt, sie selbst hätte jede Menge Tagebücher, in denen sie immer wieder mal liest. Das hätte ihr viel gegeben. Weil, wenn man etwas aufschreibt, man vorher gut darüber nachdenken muß. Ich weiß ja nicht. Aber eigentlich finde ich es jetzt doch ganz toll, alles aufzuschreiben. Da kann ich nächstes Jahr genau vergleichen, was ich zum Geburtstag kriege.

3. März

Heute hat auf meinem Platz in der Schule ein Briefchen gelegen. Der Umschlag war zugeklebt. Aber ich wußte trotzdem sofort, daß ER ihn da hingelegt hat. Die Biggi hat ihn natürlich auch gesehen und gleich in der Klasse herumgekreischt: »He, Leute, unsere Marie-Claire hat einen Liebesbrief gekriegt!« Doof! Und so was will meine beste Freundin sein. Die gucke ich nicht mehr an. Nie mehr! Die kann mich doch mal. Die blöde Kuh.

Die anderen fingen an zu lachen und zu schreien, und Alexandra, die Raffzahnzicke, hat sogar versucht, mir den Brief wegzureißen. Aber ich habe mir nichts gefallen lassen. Wie wir mitten im Raufen waren, kam der Fips rein und donnerte los, was da für ein Spektakel wäre und daß er uns ins Klassenbuch eintragen würde. Die Alexandra machte mir hinter dem Rücken eine Faust. Aber ich hatte meinen Brief. Und den Kratzer auf der Backe hatte sie.

Den Brief habe ich dann in meine Bluse gesteckt. Vom rein. Da hat er die ganze Zeit geknistert und ein bißchen gekratzt. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Als es zur großen Pause geschellt hat, bin ich schnell aufs Mädchenklo. Da habe ich ihn gelesen (und geküßt habe ich ihn auch. Aber das schreibe ich nur, weil das Tagebuch ja einen Schlüssel hat, den ich immer bei mir tragen kann.) Es war wirklich ein Brief von IHM. Ich klebe ihn hier rein.

»An Marie-Claire'
Hallo!
Nach der Schule am alten Tor.
Dein Tommy«

Dein Tommy - wie das klingt. Ich bin so glücklich. ER wartete dann auch schon auf mich, als ich kam. ER hatte wieder diese Jacke an, die ich nicht leiden mag. ER hatte mir ein Geburtstagsgeschenk mitgebracht: einen ganz dünnen Silberring mit einem Glasstein.

»Für mehr hat's nicht gelangt«, hat ER gesagt. Und dann hat ER ihn mir angesteckt, und seine Hände waren ganz zittrig. Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich hab einfach nichts rausgebracht. Aber als ER mich dann auf die Backe geküßt hat, bin ich weggerannt.

So was Dummes! Ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe. Jetzt ist ER bestimmt traurig und meint, ich wäre zickig oder eben doch noch ein richtiges Baby. Dabei hab ich IHN unheimlich lieb. Und den Ring zieh ich nie mehr ab. Nie! Auch nicht, wenn ich tot bin.

Ich versteh das nicht von mir, das mit dem Wegrennen.

Wenn ER mich jetzt nicht mehr mag?

10. März

Heute hat ER am Haupttor gewartet. ER hatte sein neues Fahrrad bei sich. Die Biggi, die Blöde, hat gleich zu kichern angefangen und ihre albernen Sprüche losgelassen, was ich für einen treuen Verehrer hätte und so. Aber die ist ja bloß neidisch, und eifersüchtig ist sie obendrein.

ER hat dann meine Mappe auf seinen Gepäckträger geklemmt und mich heimbegleitet. Geredet haben wir nicht viel. Nur von der Schule, und daß seine Eltern zur Zeit total meschugge sind, wenn ER mal mit einer Drei heimkommt. Ich bin froh, daß Vati das nicht so eng sieht. Obwohl, die Mama, die wäre schon ziemlich böse. Die ist viel strenger, weil sie meint, ein Mädchen muß doppelt so gut sein wie ein Mann, wenn sie im Beruf später mal eine Chance will.

Als wir bei mir ankamen, war der Vati schon zu Hause. Er hat ganz komisch geschaut, als der Tommy meine Mappe bei sich runternahm und zu mir gesagt hat: »Also bis morgen, Marie-Claire. Ich hol dich um halb acht ab.«

Der Vati wollte sofort wissen, wer das denn war und wieso der mich begleitet hat. Dabei hat er mich fest am Arm gepackt und wütend ausgesehen. Ich war ganz erschrocken, weil er so was noch nie vorher getan hatte. Aber da ist zum Glück die Mama gekommen und hat zu lachen angefangen. Das wäre doch der Thomas aus der Hebelgasse, ob der Vati den denn nicht mehr kennt? Der Thomas hätte mich doch früher schon im Kindergarten verehrt.

Der Vati hat nur noch gebrummt und ist ins Haus zurückgegangen. Aber ich habe beim Essen genau gemerkt, daß er immer noch eine Wut hatte. Als dem Björni die Gabel runterfiel, hat er ihm gleich eine geknallt. Obwohl das doch jedem mal passieren kann und der Björn erst sechs ist. Wir haben uns dann nicht mehr gemuckst, bis der Vati wieder zur Arbeit war. Aber der Björni hat gesagt, an der Backpfeife wäre ich schuld, und die würde er mir noch heimzahlen.

Am Abend war der Vati wieder gut. Er hat mit uns richtig schön getobt und gespielt und vor dem Schlafengehen noch drei ganz lange Geschichten vorgelesen. Ich glaube, er hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Ohrfeige. Beim Gute-Nacht-Kuß hat er dann gesagt, daß er mich morgen zur Schule fährt. Ich konnte mich aber gar nicht freuen. Morgen, ausgerechnet! Sonst fährt er mich nie. Wo ich mich schon so gefreut hatte, mit IHM zu gehen.

25. Mai

Als ich heute mitten in der Nacht aufwachte, saß der Vati an meinem Bett. Er war ganz still und sprach kein Wort. Er faßte mich auch nicht an.

Es war so unheimlich. Ich hörte, wie schwer er atmete. Und dann ging er wieder auf Zehenspilzen raus. Ohne ein Wort.

Ich konnte nicht mehr einschlafen. Dauernd mußte ich nachdenken, was das jetzt wohl wieder werden soll.

In der Schule bekam ich einen Eintrag wegen Unaufmerksamkeit und Nichtbeteiligung am Unterricht.

30. Mai

Tommy hat mich gefragt, ob ich krank bin. Ich wäre so blaß die letzte Zeit und würde kaum noch mit ihm reden.

Ich hab gesagt, ich hätte jetzt ziemlich oft Migräne. Das kenne ich von der Mama. Bei Migräne ist man arm dran und hat damit für alles eine Entschuldigung. Viel lieber hätte ich aber nicht gelogen.

2. Juni

Vati hat mich ins Eiscafe Torino eingeladen. Er hat nach der Schule im Auto auf mich gewartet. Ein Geschenk hatte er auch dabei. Ein Blüschen mit ganz vielen kleinen gestickten Blüten und eine passende kurze Hose dazu. Er sagte, wir müßten doch feiern, daß ich jetzt eine richtige Frau wäre. Die Mama hätte ihm nämlich verraten, daß ich schon meine Periode bekommen hatte.

Ich wollte, sie hätte ihm nichts gesagt. Immer muß sie alles verpetzen und mit ihm bereden! Ich kann doch auch nicht alles überall austratschen. Sie ist wirklich zu blöd manchmal. Ich werde ihr nichts mehr sagen. Soll sie doch sehen, wie das ist, wenn man sich mit seinem >Drüberschwätzenmüssen< alles verdirbt.

Ich war so enttäuscht, daß ich am liebsten losgeheult hätte. Aber der Vati hatte es ja schließlich gut mit mir gemeint. Ich durfte mir meine miese Stimmung nicht anmerken lassen. Und die Sachen waren ja auch wirklich süß. Wenn ich nur nicht immer diese Angst hätte, daß er dafür wieder einen Kuß will, oder daß ich mich von ihm überall streicheln und anrühren lassen muß.

5.Juni

Gestern habe ich Tommy mit der Annemarie von gegenüber gesehen. Sie hielten Händchen und lachten zusammen. Als ER mich sah, winkte ER 'rüber und sagte: »Na, Kleine!«

Ich war den ganzen Tag fix und fertig. Ich kann auch jetzt erst darüber schreiben. Ich dachte, ER mag mich. So ganz richtig. Und jetzt geht ER mit der. Und bestimmt lachen sie über mich.

7. Juni

Es ist nichts mit der Annemarie, sagt ER. Es ist nur, weil die ihn gerade getroffen hatte und da taten sie wegen der Leute so, als ob sie ein Liebespaar wären. Sie wollten die einfach ein bißchen schocken.

18. Juli

Ich weiß nicht, ob ich das Gefühl, das der Vati mir macht, schön finden soll oder nicht.

19. Juli

Der Vati hat neulich Karten mitgebracht, da sind lauter nackte Männer und junge Mädchen abgebildet. Er hat gesagt, damit ich sehe, daß das ganz normal ist, was er mit mir macht.

20. Juli

Heute habe ich meine Tage bekommen. Der Vati hat mich deswegen geschlagen. Ich bin froh, wenn die Mama endlich heimkommt. Wenn man als Frau jede Nacht so mit einem Mann zusammen sein muß, wie das Vati mir zeigt, will ich erst gar keine werden.

23. Juli

Die Mama ist zurück. Ich bin so erleichtert. Als sie ankam, bin ich ihr um den Hals gefallen, so habe ich mich gefreut. Aber sie hat mich nur ein Stück weggeschoben und hat gesagt: »Na, na, na, schließlich bist du doch schon ein großes Mädchen. Stell dich mal nicht so an!«

Wir haben dann den ganzen Nachmittag zusammen den Hausputz gemacht. Sie hat mich ganz allein aufwischen lassen und nicht einmal nachgeputzt. Ich glaube, sie merkt jetzt, daß ich wirklich schon ziemlich alt bin.

Der Vati hat schlechte Laune. Bestimmt, weil er jetzt nicht mehr splitterfasemackt zu mir reinschlüpft und an mir rumspielen kann.
Ob er eigentlich mit ihr auch so was macht wie mit mir?

24. Juli

Ich habe den Vati gefragt, warum er so gern an mir rumspielt, wo er doch die Mama dazu hat. Da hat er mich ausgelacht. Ich wäre ein Dummerle, hat er gemeint. Und wäre ja wohl eifersüchtig. Aber das brauche ich nicht zu sein. Wenn er mit der Mama zusammen wäre, hätte er nicht halb so viel Spaß wie bei mir. Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig. Vati soll das nicht mehr mit mir machen. Es ist so häßlich und gemein, und ich will es auch nicht. Gar nicht. Nie.

30. Juli

Der Vati hat jetzt fast jeden Tag eine Laune zum Wegrennen. Er hat gesagt, die Mama würde ihn nachts aussaugen. Sie wäre ein Vampir.

4. August

Die Mama meint, daß sie vielleicht auch noch mal ein Baby bekommt. Sie ist ja auch noch nicht alt.

Ich hätte schon gern ein Brüderchen oder ein Schwesterchen. Da könnte ich immer mit dem Kinderwagen Spazierengehen und das Kleine in frische Windeln wickeln. Ich glaube, die Mama ist bei ihrer Freundin auf den Geschmack gekommen.