Kummerkasten von Silke
Das Tourette-Syndrom

Silke

8.  Juni 2003

Ich will nicht mehr kotzen vor Angst

Hallo,

ich bin 21 Jahre alt und werde nach einer kaufmännischen Lehre ab September wieder die Schule besuchen, um das Abitur nachzumachen.

Ich hab einige Erfahrungen mit Mobbing in der Schule gemacht. Leider bin ich immer ängstlicher und misstrauischer (auch aggressiver) geworden. In der Berufsschul- und Ausbildungszeit hab ich gemerkt, wie schwer es doch andere mit mir haben. In meiner Firma habe ich mich gut eingewöhnt, aber in der Schule, z.B. bei Gruppenarbeiten oder bei Seminaren verstecke ich mich immer gerne. Manche Mitschüler oder Kollegen ärgert das. Sie können nicht verstehen, dass ich Probleme mit der Teamarbeit hab.

Nun meine Frage: Was kann ich tun, damit es mir in der neuen Schule besser geht? Soll ich meine Lehrer und/ oder Mitschüler auf meine Schwierigkeiten vorbereiten? Ich hab Tourette, soll ich das vorher erklären?

Ich brauche wirklich Hilfe, denn ich will nicht mehr vor jedem Morgen auf der Toilette sitzen und kotzen vor Angst. Allerdings bin ich nur noch diese Woche in der Firma, dementsprechend lange gilt auch nur noch meine Mailadresse.

Gruß, Ihre Silke

Was ist "Tourette"?

Hallo, Silke,
danke für dein Vertrauen.

Bitte erkläre mir, was "Tourette" ist, bzw. wie sich das bei dir auswirkt.

Prinzipiell: Nein, du solltest dich deinen Mitschüler/innen nicht vorbeugend anvertrauen. Sicher wären einige darunter, die damnit überfordert wären. Das würde die emotionale Belastung für dich weiter steigern.

Du solltest allerdings ein Gespräch mit dem ( ich lass jetzt mal die Schreibweise einfachheitshalber neutral, meine aber beide Geschlechter!) Direktor der Schule und dem Vertrauenslehrer führen und sie um Rat bitten. Sie sollten wissen, dass und weshalb du Schwierigkeiten hattest und weitere befürchtest. Und es gehört zu ihren Aufgaben, dir Hilfestellungen zu geben, so weit sie dies können.

Es ehrt dich, wenn du schreibst, dass dir auffiel, wie schwer es Andere mit dir haben. Du solltest aber auch nicht weniger an dich denken, denn du hast es ebenfalls schwer mit dir und mit all denen, die es schwer mit dir haben. Wie stark der Leidensdruck ist, spürst und erlebst du ja an deinen Körperreaktionen. Diese sind die deutliche Sprache, die dein Körper spricht, wenn Worte nicht ausreichen, um verstanden zu werden.

Deshalb ist hier nicht vorrangig der Schutz vor dir nötig, sondern der Schutz für dich steht gleichrangig daneben. Du bist nicht weniger wert als die anderen.

Eventuell hast du dich schon nach einem Therapeuten umgeschaut, der dir helfen könnte, deine Erfahrungen zu durchdenken und zu Erkenntnissen umzuwandeln, die dir dienlich sind, neue Verhaltensmuster zu entwickeln, welche deine gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse zu einer für dich erfolgreichen Anwendung bringen.

Insgesamt würdest du durch eine solche Aufarbeitung deiner Mobbing-Erfahrungen zu einem besseren Verständnis für deren vielschichtige Ursachen gelangen. Dies wiederum würde dir helfen, Mobbing-Situationen zu erkennen, vorherzusehen und zu vermeiden oder aktiv zu bewältigen, wenn sie unvermeidlich sind. Und das ist leider oft der Fall. Diese Erfolge würden allmählich neues Selbstvertrauen aufbauen und deine Persönlichkeit stärken.

Hilfreich kann auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sein, die von einem erfahrenen Betreuer geführt wird. Der "geschützte", weil vertrauliche Rahmen einer solchen Interessengemeinschaft bietet den Teilnehmer/innen die Gewissheit, unter Menschen zu sein, die ohne lange Erklärungen aus der eigenen Lebenserfahrung heraus, wissen, wovon man spricht. Und schon das Bewusstein, nicht allein zu sein, kann helfen, dich zu stabiliseren.

Mobbing wird gern von denen, die mobben, als ein Regulativ gegen jemanden angesehen, der in ihren Augen "irgendwie anders","irgendwie nicht passend" ist. Aber das bedeutet nicht, dass der Einzelne, nicht Passende, die schlechtere Alternative ist. Es sind im Gegenteil oftmals diese nicht Passenden, die etwas bewegen und vorwärts bringen. Und die gerade deshalb gemobbt werden, weil dies stets den Neid der ewig Passenden erregt, die vielleicht qua Masse, aber nicht qua Klasse die Mehrheit halten.

Herzlich,
Karin

Das Tourette-Syndrom

Hallo,

ich schneide Grimassen. eigentlich harmlos, aber manche finden das besonders lustig. Wie soll ich denn darauf reagieren, wenn mich jemand nachmacht? Ich hab schon mal gehört, dass man Mobbing ignorieren soll, aber dadurch wurde bisher leider gar nichts besser.

Die Lehrer sind damit meist selber überfordert und nach deren Absage dann zum Direktor gehen ... na, ich weiß nicht, dazu gehört ja auch viel Mut. Vor allem dann, wenn einem ständig eingeredet wird, man sei selber schuld. Wenn du kein Tourette hättest, würde dich niemand ärgern, wenn du hübscher wärst, würde sich niemand über dich lustig machen, wenn du hässlicher wärst, wären die anderen weniger neidisch, usw.

Gruß

Die Offensive ergreifen

26.August 2003

Hallo, Silke,

nun habe ich mich über das "Tourette-Syndrom" informiert und schicke dir im Anhang einen kleinen Teil der Recherchergebnisse mit, die dich vielleicht auch interessieren könnten.
Danke für deinen Hinweis, der mir das Stichwort gab, dass dein Problem auf einer nervlichen Krankheit basiert.

Meine erste eMail möchte ich jetzt insofern unbedingt korrigieren, als ich nun doch der Meinung bin, du solltest mit deiner Krankheit offensiv umgehen.

Da sie nach außen sichtbar auftritt, leider längerfristig wirkt und wohl von den allerwenigsten Menschen spontan definiert werden wird, hat es keinen Sinn, sie als deine alleinige Privatsache zu für dich beahlten zu wollen. Sie ist ja schon ohne dein Zutun öffentlich.

Wie in allen anderen Bereichen, in denen Informationen fehlen, wuchern Halbwissen und Unwissenheit durcheinander. Die Daraus resultierende Unsicherheit macht sich schnell durch Spott und Mobbing bemerkbar. Aufklärung kann also helfen, das Ausmaß dieser für dich schweren Kränkungen zu verringern. Und zwar dir helfen!

Da deine künftigen Mitschüler/innen keine Kleinkinder mehr sind und die Pubertät weitestgehend hinter sich haben, solltest du sie als junge Erwachsene behandeln und sie informieren.

Zu diesem Zweck füge ich dir eine Anzeige einer jungen Frau, die über deine Krankheit und die dadurch auftretenden schulischen Belastungen eine Diplomarbeit anfertigt, im Anhang bei. Außerdem hänge ich dir die Informationen des "Internetdoktors" an, die leicht verständlich und eindeutig sind. Du könntest sie ausdrucken und am ersten Schultag an jeden deiner Mitschüler eine Exemplar mit dem Hinweis auf deine Krankheit austeilen. Bitte die Klasse, dich trotz dieser Krankheit so zu akzeptieren wie alle anderen Mitschüler auch. Sag ihnen, dass es nicht ansteckend, aber seelisch sehr belastend ist, so dass du manchmal nicht so gut drauf bist.

Dass dies Mut erfordert, ja, das sehe ich auch so. Aber die Überwindung der Ängste und Unsicherheiten wird dich stärken. Und deine Mitschüler werden dir dafür Respekt entgegenbringen. Vor allem aber werden sie sich in ihrem Mobbingverhalten zurücknehmen, weil das Klassenkollektiv sich eher für soziale Kompetenz entscheiden und dich folglich in Schutz nehmen, und gegen diejenigen aufstetehen wird, die dich auslachen wollen.

Ähnlich würde ich es mit den Lehrkräften halten. Du könntest dem Klassenlehrer zur gleichen Zeit wie den Mitschülern eine Kopie der Datei aushändigen und ihn bitten, diese auch deinen anderen Lehrkräften zur Kenntnis zu geben.

Im Vorfeld würde ich an deiner Stelle den künftigen Direktor anrufen, ihm das Problem schildern und ihm mitteilen, wie offensiv du am ersten Schultag mit deiner Erkrankung umgehen willst.

Vielleicht sind dir deine Eltern bei diesen Aufgaben behilflich und übernehmen das Gespräch mit dem Direktor?! Er weiß vermutlich schon, wen du als Klassenlehrer bekommen wirst und kann deinen Eltern den Kontakt zu ihm herstellen, so dass dieser am ersten Schultag vorbereitet ist und dir beistehen kann.

Gut für dich wäre, wenn du einen Arzt mitnehmen würdest, der am ersten Schultag nach dem Austeilen der Info-Blätter für dich spricht und der Klasse erklärt, warum du nicht den neuen Klassenclown machst, sondern leider eine ernsthafte, sehr belastende Krankheit hast.
Für dich ganz allein stelle ich mir das zu schwer vor.

Wenn du keinen Arzt hast, der dich begleiten kann, solltest du oder sollten deine Eltern den Direktor bitten, für euch einen Kontakt zu der bisherigen Vertrauenslehrkraft herzustellen, damit sie dich am ersten Schultag bei deiner Selbsteinführung begleitet und unterstützt.

Es grüßt dich,
Karin

Danke

Datum 27.August 2003

Danke für Ihre Hilfe. Sie haben mir wirklich Mut gemacht. Ich hoffe, dass ich so besser in der Schule zurecht komme. Ihr "Kummerkasten" ist wirklich eine tolle Einrichtung!

Ihre Silke

 

Informationen zum Tourette-Syndrom