Offener Brief von Karin Jäckel
ins politische Gästebuch
der Stadt Münster.
vom 26.6.2002

Zum Thema:
http://www.taz.de/pt/2002/06/22/a0080.nf/text"
vom 21.06.2002
Eltern erstreiten Sorgerecht für ihre sieben Kinder

Münster erlebt zur Zeit traurige Berühmtheit. In allen Zeitungen und Zeitschriften kann man es lesen: Münster ist die Stadt, in der das im Volksmund längst als "Kinderklaubehörde" verrufene Jugendamt anständige Eltern, die mehr Kinder haben, als die Mitarbeiter/innen erlauben, "ent-eltern" und ihnen selbst Säuglinge aus dem Wochenbett mit richterlicher Gewalt entreißen und auf Kinderheime verteilen.

Der christliche Bürgermeister der Stadt wäscht seine Hände in Nichtzuständigkeit und verweist auf den Richter. Der verantwortliche Richter am Familiengericht verweist auf den Verfahrenspfleger. Der verantwortliche Verfahrenspfleger verweist auf den Gutachter. Der verantwortliche Gutachter verweist auf seine Auftraggeberin im Jugendamt. Die verantwortliche Auftraggeberin im Jugendamt wäscht ihre Hände in Unschuld, denn sie hat ja nur nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Und wenn das falsch ist, ist sie nicht strafbar, denn irren ist menschlich.

Jede/r dieser Verantwortlichen verdient sich am Elend der sieben Kinder der Familie Haase und den beiden Eltern eine goldene Nase. Allein der Gutachter bekam 10.000 Euro für seine Arbeit, die von einem kritischeren Richter schon mal als Schwarzmagie entlarvt wurde. Und die diversen Kinderheime, auf die das Jugendamt die sieben Kinder verteilte, beanspruchen monatlich 4000 Euro pro Kind. Der Steuerzahler hat's ja und gibt's ja!

Und keiner denkt daran, dass die Familie Haase mit ihren sieben Kindern ein bombastisches Auskommen mit dem Einkommen und sehr viel mehr Zeit für ihre sieben Kinder gehabt hätte, hätte man ihnen statt der kümmerlichen 1027 Euro Kindergeld im Monat die 28.000 Euro gegeben, die der Gesetzgeber nun den Kinderheimen ohne jeden Widerspruch zahlt.

Und was sagt Münster dazu? Gibt es eine Bürgerbewegung? Demonstrationen für Elternrechte und Kinderrechte? Gibt es waschkörbeweise Proteste gegen den Machtmissbrauch des Jugendamts? Können sich Damen und Herren wie die Sozialarbeiterin Tatjana Kröger und der Gutachter Ralf Grigoleit, der Verfahrenspfleger Johannes Frank, der Richter Norbert Weitz, die Stadträtin Carola Möllemann, der Grüne Wilfried Nachtwei und der CDU-Bürgermeister Dr. Berthold Tillmann noch unkritisiert auf die Straße wagen? Erfährt die Familie Haase eine Flut an Mitgefühl und Unterstützung?

Nein, - Münster schweigt und bejubelt den Fußball. Das ist ja auch viel einfacher und bequemer. Der Aufschrei kommt immer erst dann, wenn man selber das nächste Opfer ist. Doch das kommt bestimmt.



"Kritiker" aus Münster schaut lieber weg

Kritiker aus MS
schrieb am 26.06.2002 um 15:57 Uhr:

Sehr geehrte Frau Jäckel,
zugegeben, die Sache scheint wieder mal einer dieser "berühmt-berüchtigten" Schnellschüsse unserer Jugendämter zu sein! Allerdings kann ich die Situation als Aussenstehender nicht zu 100% nachvollziehen, was da nun wie und wo gelaufen sein soll....die Art und Weise erscheint jedoch zutiefst fragwürdig, da geb ich Ihnen recht! Bin im Zweifel auch FÜR die Familie, aber ich möchte nicht wissen, wie Sie hier meckern würden, wenn wirklich etwas vorgefallen wäre, und das Jugendamt nix unternimmt....!?

ABER:
muss ich nun zu jedem Problem in meiner Stadt (und nicht nur dort, sie sagen ja selber, die Jugendämter generell hätten einen schlechten Ruf) eine Bürgerbewegung gründen, Demonstrationen anzetteln und Petitionen einreichen?! Tschuldigung, aber dafür fehlt mir sowohl die Zeit als auch die Motivation! Und JA, ich feier lieber das Finale, als mich jeden Tag meines Lebens mit dem Unglück und der Ungerechtigkeit dieser Welt zu beschäftigen! Soviel Arschloch muss man manchmal eben sein, und wenn nicht jetzt, wann dann??

Und dass Politiker und Beamte und Gutachter IMMER jegliche Verantwortung von sich auf andere schieben, ist ja nix neues und kein münsteraner Problem! Und in sonem Zusammenhang von Geld zu sprechen ist ja wohl totaler Unsinn! Mit den 28.000€ hätte man auch ne afrikanische Familie 1 Jahr ernähren können oder oder oder......

Und da sie schon von Verantwortung, Mitgefühl und Beschwerden sprechen: haben SIE etwas unternommen??
oder finden sie es auch einfacher hinterher zu mäckeln, wenn die Sache erledigt ist??

Naja, ich kann die ganze Aufregung zwar irgendwie nachvollziehen, aber verstehen nun nicht grade...
Nicht, dass ich da was beschönigen will, aber es gibt nun wirklich grössere und dringendere Probleme in unserem Lande, als Jugendämter, die manchmal etwas zu eifrig arbeiten........

für mich hört sich ihre Kritik jedenfalls so an, als ob sie die zurecht vorhandene Frust und Wut über Behörden im allgemeinen, staatliche Willkür und die ohnmacht des bürgers nun uns, den Münsteranern zuschieben wollen! Aber so einfach geht es nicht......



Unrecht sehen und schweigen = Mitschuld

8.7.2002

Politisches Forum der Stadt Münster
Zum Thema "Familie Haase und ihre sieben Kinder"

Hallo, Kritiker aus MS,

wer von einem Unrecht weiß und es dennoch stillschweigend duldet, macht sich mitschuldig. Finden Sie nicht?

Es stimmt: Es ist natürlich erholsamer und vergnüglicher, auch ungefährlicher, sich im Fernsehsessel mit Fußball zu beschäftigen, als sich draußen um die problematischen Angelegenheiten unbekannter Mitmenschen zu kümmern.

Und selbstverständlich kann jederzeit leicht die selbst erteilte Erlaubnis zum Abstandhalten vorgebracht werden, denn schließlich ist man/frau nicht Jesus, der das Leid der Welt zu schultern versuchte.

Folgerichtig, dass sich in Münster nur ein Pfarrer der Familie Haase annahm, als die Eltern nicht bloß in emotionale sondern auch in finanzielle Not gestoßen worden waren?

Eine solche Distanzierung im individuellen Fall ist meiner Meinung nach nicht damit zu rechtfertigen, dass Jugendämter nicht immer "Kinderklaubehörden" sind, dass Mitarbeiter/innen in Jugendämtern schon mal Gutes bewirkt haben und dass mit Geld nicht nur in Deutschland sondern auch im Ausland geholfen werden kann.

Weit eher verbrämt eine solche selbst erteilte Erlaubnis zur Distanzierung die eigene Bequemlichkeit.

Mich jedenfalls erinnert eine solche innere Distanzierung von einem klar erkannten Unrecht an die Haltung der ewigen Weggucker und Nichts-Dafür-Könner einer noch nicht all zu weit entfernten Vergangenheit.

Sie fragen mich, was ich persönlich im Fall Haase getan habe. Ganz einfach: ich helfe mit den verschiedenen mir möglichen Mitteln. Ein Teil dieser Hilfe ist es, die Menschen in Münster, im unmittelbaren Lebensumfeld der Familie Haase also, zu einer Welle der Mitmenschlichkeit und Solidarität aufzurufen, damit ihnen unmittelbar vor Ort Beistand geleistet wird.

Vielleicht haben ja auch Sie jetzt, da die Fußball-WM gelaufen ist, Zeit und Lust dazu.

Beste Grüße,

Karin Jäckel
www.karin-jaeckel-autorin.de