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Aktueller Kommentar von
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23. Oktober 2002Auch ich begrüße die Bildung der PAS-Expter/innen-Runde sehr und bedaure noch immer, dass ich der freundlichen und sehr persönlichen Einladung Herrn Dr.von Boch-Galhaus nicht folgen konnte, weil ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt einen Vortrag zu absolvieren hatte. Gespannt erwarte ich die Informationsmaterialien, die es anlässlich der Tagung gab. Noch erwartungsvoller sehe ich einem Reader entgegen, der, wie mir Herrn Dr.von Boch-Galhau sagte, vorgesehen ist, aber nicht unter Zeitdruck erstellt wird. Meiner Meinung nach greift die bisherige Debatte um PAS allerdings noch zu kurz. Meine persönlichen langjährigen und intensiven Recherchen zu verschiedensten Problemfeldern in Familien aller aktuellen Lebensformen zeigen mir, dass PAS nicht erst nach erfolgter Trennung oder Scheidung einsetzt, sondern in seinen Wurzeln bereits in der noch intakten Familie liegt. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die zu PAS führende emotionale Manipulation von Kindern in allen Familien stattfindet, - und nur ganz besonders intensiv, wenn die elterliche Persönlichkeit (unbewusst oder bewusst) unter Kindheitstraumata leidet und dadurch die Binnenbeziehung zwischen Mann und Frau erschwert/gestört ist, dies aber dennoch nicht zwingend zur Trennung führt. Bereits die alltägliche "Nutzung" eines Kindes als Partnerersatz und Vertrauensperson, der sich ein Elternteil immer wieder mit massiven, selbst die intimsten Angelegenheiten umfassenden Klagen über den anderen Elternteil anvertraut, führt zu PAS. Die elterliche Entfremdung oder Ablehnung gegenüber dem beklagten Elternteil entsteht nämlich stets und fast automatisch, also völlig unbewusst, weil bzw. wenn eine parteiliche Stellungnahme des Kindes Zugunsten des anklagenden Elternteils erwartet wird. Wenngleich diese Stellungnahme das Kind innerlich zerreißt und es in tiefste Loyalitäts- und Solidaritätskonflikte gegenüber beiden Elternteilen stürzt, kann das Kind diese Stellungnahme nicht verweigern, ohne den sich ihm anvertrauenden Elternteil zu enttäuschen und/oder zu verletzen. Ein liebevolles Kind wird eine solche Verletzung vermeiden und den klagenden Elternteil trösten wollen, also das eigene schlechte Gewissen nebst Schuldgefühlen in Kauf nehmen und Partei ergreifen. Ein aus Schaden raffinierter gewordenes oder per se ängstlich veranlagtes Kind wird auch deshalb Partei ergreifgen, weil es weiß, dass eine Verweigerung persönliche Nachteile erzeugt, etwa den von allen Kindern gefürchteten Liebesentzug durch Abstrafungen per anhaltender Ignoranz und Schweigen. Betroffen sind hier überwiegend Kinder, die nie oder sehr unzulänglich gelernt haben, sich kritisch eine eigene Meinung zu bilden und diese auch klar zu vertreten. Kinder, die sich gegen die eigenen Grenzen verletzenden Anforderungen Erwachsener nicht abgrenzen und nicht NEIN sagen können. Kinder, die so harmoniebedürftig veranlagt oder erzogen wurden, dass sie Konflikte nicht oder nur schwer ertragen. Kinder, die gelernt haben, dass sie geliebt und belohnt werden, wenn sie pflegeleicht und brav sind.. Kindlich angepasstes Verhalten, sprich brave, folgsame,im Volksmund "liebe" Kinder, werden leider immer noch mehr geliebt und gelobt als eigenständig denkende, widerprechende, zweifelnde und tiefgründig fragende, also arbeitsintensivere, mehr Zeit und erzieherische Aufmerksamkeit fordernde Kinder. In der Schule, wo immer ältere, ruhebedürftigere Lehrkräfte mit im Elternhaus immer unzureichender erzogenen, immer öfter in virtuellen PC-Welten groß werdenden, immer öfter mit der Ersatzbefriedigung Geld und Konsum abgespeisten und folglich immer mühsamer zu unterrichtenden Schüler/innen in immer übervolleren Klassen immer seltener und immer kürzer auf das einzelne Kind eingehen können, - in dieser mit Erziehungsaufgaben hoffnungslos überforderten Schule werden kritische Kinder noch weniger geliebt als Zuhause. Die zunehmende schulische Empfehlung bei Konzentrationsmängeln, der immer häufigere elterliche Wunsch bei Disziplinierungsproblemen und die selten qualifizierte ärztliche Verschreibung der bei Expert/innen hochstrittigen Modedroge Ritalin für allzu rasch als "Zappel-Kinder" eingestufte "Nervensägen" mit erhöhtem Aufmerksamkeitsbedarf an ihre Bezugspersonen ist bekannt. Aus Kindern, die in der kritischen Phase ihrer Kindheit zu wenig familiäre Geborgenheit und zu wenig elterliche Souveränität erfuhren, entwickeln sich mehrheitlich Erwachsene, die sich nicht selbstkritisch hinterfragen und daher in der Kindheit erfahrene Programmierungen nicht bewusst abbauen. Und aus ihnen werden zwangsläufig wiederum Eltern, die den PAS-Kreislauf fortsetzen. Ganz besonders dann, wenn es in der Paarbeziehung kriselt oder gar zu Trennungen kommt. Aus diesem Grund sehe ich die Heilung von PAS nicht nur in der Aufklärung der Expert/innen der Trennungshilfe-Industrie und in der aufklärenden Beeinflussung der in Trennung lebenden oder bereits getrennten Elternteile. Vielmehr sehe ich diese Heilung vornehmlich in der präventiven und heilenden Erziehung heutiger Kinder. Und zwar durch das Mittel der gezielt vermittelten und bewusst zu erlernenden Selbstfindung nebst der damit verbundenen Streitkultur. Angesichts dessen, dass immer mehr Eltern in der Doppelbelastung Erwerbsarbeit-Familienarbeit viel zu wenig Lust, Kraft und Zeit für diese Erziehungsarbeit haben, angesichts dessen auch, dass in Teilfamilien lebende Elternteile mit der alleinigen Erziehungsarbeit und Familienverantwortung immer öfter überfordert sind, ist die Schule trotz der bekannten Schwächen immer noch der prädestinierte Ort zur Wissensvermittlung. Dazu müssten allerdings die Lehrpläne entsprechend angepasst werden und in Unterrichtsfächern wie Gemeinschaftskunde, Religion/Ethik, Geschichte, Kunst, Musik und Deutsch weniger verkopftes Wissen eingepaukt und statt dessen intensiv Zeit und Raum für Diskussionen, Rollenspiele, Teamarbeit und Kreatives Arbeiten ermöglicht werden. Der Erwerb von sozialer Kompetenz ist lange schon als unverzichtbar erkannt worden. Höchste Zeit also, sie auch tatsächlich zu vermitteln. Dass heutige Lehrkräfte nicht ausreichend geschult seien, um soziale Kompetenz vermitteln zu können, halte ich - mit Ausnahmen - für Unsinn. Was fehlt, ist Zeit und die Muße, sich in Ruhe auf Kultur einlassen zu können. Leider ist die Bildung der Persönlichkeit im Sinne der Bildung der "Anima" seit Jahren extrem vernachlässigt worden. Eine Werte-Gesellschaft schien überflüssig, wenn das Geld stimmt. "Kultur ist Geld", sagte mir unlängst ein mehrfacher Vater und Geschäftsmann, "denn nur wenn du Geld hast, kannst du dir Kultur leisten." Und damit erinnerte er mich an Reich-Ranicki, der mal sagte:" Geld macht nicht glücklich, aber ich weine auch lieber im Taxi als in der U-Bahn." So schlüssig dies aufs erste Hinhören klingen mag, - die in der Familie als Kleinunternehmen und in der Gemeinschaft als Summe der Bürger/innen ablaufenden, von Geld und Begierden gesteuerten Degenerationsprozesse zeigen, dass Kultur mehr ist als Geld und in erster Linie mit der Bildung der "Anima" steht oder fällt. Schon die Philosophen der Antike wussten, dass ein Volk dadurch zugrunde gerichtet wird, wenn man es mit "panem et circenses" zur Spaß-Gesellschaft abstumpft. Deshalb halte ich die PAS-Debatte zwar für einen enorm wichtigen Beitrag zur Erkenntnis der Folgeschäden einer elterlichen Machtmissbrauchshandlung. Ein Heilmittel aber ist diese Debatte noch nicht. Sie dient vornehmlich zur Behandlung von Symptomen. Die Heilung der Ursprünge und damit der PAS verursachenden seelischen Schwachstelle erfolgt allein durch einem Wandel unseres individuellen und gesellschaftlichen Wertesystems und unserer damit verbundenen Lebensplanung. Erst wenn wir Kinder beiderlei Geschlechts als eigenständige, zwar junge doch Erwachsenen gleichrangige, vollwertige Persönlichkeiten respektieren und ihnen eigene, nicht minderwertige und nicht im Elternrecht verwahrte Kinderrechte zubilligen, erst wenn wir die Bildung unserer Kinder nicht mehr auf Kopfwissen reduzieren sondern durch Herzensbildung zur sozialen Kompetenz und Empathiefähigkeit erweitern, erst wenn wir diese Bildung als Eltern und Erzieher aus Überzeugung und gern im Sinne der "drei Z" Pestalozzis mit "Zeit, Zuwendung, Zärtlich" vornehmen, - erst dann wird PAS reduziert werden können. Karin Jäckel |