copyright by http://www.karin-jaeckel-autorin.de |
»Er war ein Mann Gottes« |
Mittelbadische PresseInterview: 11. Januar 2008Karin Jäckels Roman erzählt vom sexuellen Missbrauch eines Kindes / Lebenshilfe: Kummerkasten VON REGINA DE ROSSI Ihre Bücher sind ergreifend, ihre Geschichten erschütternd, vor allem die Tatsache, dass es sich um wahre Geschichten handelt. Die in Oberkirch lebende Autorin, Kunsthistorikerin, Germanistin und freie Journalistin Karin Jäckel hat sich in ihren Büchern den Menschen verpflichtet, die von der Gesellschaft bitter enttäuscht, von der eigenen Familie gedemütigt und nicht selten missbraucht wurden. Menschen, die den Glauben an die Justiz und somit an die Gerechtigkeit verloren haben, die ihr Leben durch tragische Erlebnisse nicht mehr leben, nicht mehr genießen können oder ganz einfach große Angst haben. Auf ihrer Homepage (www.karin-jaeckel-autorin.de) hat sie seit vielen Jahren einen Kummerkasten eingerichtet, leert in täglich. Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene trauen sich auf diesem Weg, sich zu öffnen. Welche Nöte hier vorgetragen werden, mit welchen Problemen bereits Kinder konfrontiert werden, das ist oftmals nicht vorstellbar. »Viele der Menschen, die mir schreiben, haben ein jahrelanges Martyrium hinter sich. Für sie ist es nicht selten das erste Mal, dass sie überhaupt über ihre Probleme sprechen. Sie suchen Rat, Hilfe, Trost. Manchen ihrer Geschichten gebe ich durch meine Bücher Gestalt. Für die Betroffenen«, so die Autorin, »bedeutet dies eine Art Selbstheilung, denn wenn sie sich in Monate, manchmal Jahre dauernden intensiven Gesprächen mit mir alles von der Seele reden konnten, was sie bisher niemandem erzählt hatten, verstehen sie in aller Regel besser als zuvor, was mit ihnen passiert ist und wissen, dass sie sich nicht dafür schuldig fühlen müssen.« Warum manche Menschen sich niemandem anzuvertrauen wagen, wird in Karin Jäckels neustem Buch »Er war ein Mann Gottes« klar. Hier beschreibt eine heute junge Erwachsene den jahrelangen sexuellen Missbrauch durch einen katholischen Geistlichen. Als Jugendliche war Cora O., wie sich das Mädchen in ihrem Buch nennt, in seiner Gemeinde als Messdienerin tätig. Cora wuchs in einem streng katholischen Umfeld, in einem Kurort im südlichen Schwarzwald auf. Den »geweihten Männern Gottes« brachte man zu Hause höchste Aufmerksamkeit entgegen, weniger aber dem heranwachsenden Kind. In ihrem Bestreben, liberale Eltern zu sein, nahmen diese den Rat, ihr Kind frühzeitig »los zu lassen« an. Dazu gehörte, dass sie keine Fragen stellten, Coras Verhalten hinnahmen, schlechte Noten oder Schulschwänzen tolerierten und keine feste Regeln des Zusammenlebens aufstellten. Von anderen beneidetVon Gleichaltrigen um ihre großzügigen Eltern beneidet, fühlte Cora sich von ihnen jedoch allein gelassen, nicht beachtet. Als ein junger Kaplan in ihrem Wohnort die Jugendarbeit übernahm, fand Cora in ihm zum ersten Mal eine Respektsperson, die sich für sie und ihre Probleme Zeit nahm. Dass er es war, der sie auf seinem Zimmer im Pfarrhaus oder bei heimlichen Treffen im Wald nach und nach an Alkohol gewöhnte, bemerkte niemand. Dass er sie schließlich, als Cora für jedermann ersichtlich ein Alkoholproblem hatte, immer öfter zu sich holte, war für die Eltern und die Gemeinde legitim, auch wenn es sich dabei um »Sitzungen« handelte, die spät nachts endeten. Schließlich war er ein Mann Gottes und half der armen Sünderin, sich von der Sucht zu befreien. Cora war damals zwölf und dreizehn. Dieses Wegschauen, Stillschweigen ist einer der Punkte, den die engagierte Autorin anprangert. »Die Umwelt sieht weg. Hier waren es die Eltern, der Pfarrer, die Gemeinde, die Verwandten, Bekannten, Nachbarn, die keine Fragen stellten, sich nicht kümmerten. Dort sind es Lehrer, Ärzte, Jugendamtsmitarbeiter, die nichts bemerken, nicht eingreifen, falsche Toleranz an den Tag legen oder mit ihren Aufgaben überfordert sind. Mein Briefkasten ist voll von Kinder- und Jugendschicksalen, die durch das Eingreifen von Erwachsenen hätten verhindert werden können!« Wie kann ein zwölfjähriges Mädchen im Schullandheim unbemerkt von drei Mitschülern vergewaltigt werden, obwohl mehrere Lehrer als Betreuer dabei sind? Opfer wie dieses Mädchen schweigen ebenso aus Angst und Scham wie Cora O., die der Autorin sagte: »Meine Eltern wissen heute noch nicht, was mir geschehen ist. Sie würden es mir nicht glauben und mich vielleicht sogar verurteilen.« Die Folgen des Missbrauchs und jahrelangen Schweigens sind beispielsweise tief gehende Ängste, Verzweiflungsattacken, Alpträume, immer wieder aufbrechende Lebensmüdigkeit und Suizidgedanken, Autoaggressionen der unterschiedlichsten Art sowie körperliche Erkrankungen. Helfen und informierenAbgesehen davon, dass Bücher wie »Er war ein Mann Gottes« Betroffenen helfen und Interessierte sowohl informieren, als auch zur Hilfe motivieren, geht die Autorin der Frage nach, warum Menschen, in diesem Fall katholische Priester, Kinder sexuell missbrauchen. Einen erheblichen Teil der Verantwortung trägt nach Meinung der Autorin die katholische Kirchenobrigkeit, die unbeirrbar an der Pflicht zum Zölibat festhält, der sexuelle Enthaltsamkeit zur Bedingung des Priesteramts macht. Karin Jäckel hat schon mehrfach über die tragischen Folgen des Zölibats geschrieben. Nach ihrem Buch »Sag keinem, wer dein Vater ist« über die geheimen Kinder katholischer Priester oder ihrem Buch über Thomas Forster, der als geheimes Priesterkind aufwuchs und unlängst kurz vor seinem 30. Geburtstag verstarb, wurde sie auch aus ihrer unmittelbaren Umgebung mit Vorwürfen überhäuft. Eine fromme Oberkircherin schrieb ihr, sie wisse, dass es auch in Oberkirch zu sexuellem Kindesmissbrauch durch einen Pfarrer gekommen sei. Es sei aber eine Todsünde, darüber zu reden. Man müsse schweigen, um den Glauben zu schützen, denn jeder Pfarrer sei von Gott berufen und daher für immer schuldlos. Schuldig sei allein das Kind, das sich für so etwas hergebe, obwohl es wisse, dass es verboten sei. »Besser«, so die Autorin, »könne man nicht erklären, warum die Opfer Angst haben, sich zu outen.«
|
|
|