Oberkircher Schriftstellerin Karin Jackel veröffentlicht ihr 80. Buch
Passion seit der Jugendzeit

Mittelbadische Presse
Acher-Rench-Zeitung

Aus dem Renchtal

Interview: 4. Mai 2006

Fasziniert von der mutigen Nonne

Karin Jäckel wohnt in Oberkirch, ist verheiratet, Mutter dreier Kinder und hat gerade ihr achtzigstes Buch veröffentlicht. Das in der Art der Umsetzung etwas anders geworden ist als ihre 79 bisherigen.

VON REGINA DE ROSSI

Oberkirch. Geboren wurde Karin Jäckel 1948 in der ehemaligen DDR, in einem kleinen Ort an der Ostsee, Der Vater musste aus politischen Gründen das Land heimlich verlassen. Karin Jäckel war zwei Jahre alt, als er sie und ihre Mutter nachkommen ließ. In der Eifel hatte er Arbeit gefunden und hier, im Lorbachtal bei Gemünd, begann, wie sie sagt, ihr literarischer Weg als Künstlerin.

Im Umkreis von sechs Kilometern wohnte keine weitere Menschenseele außer ihren Eltern. Die Katze und der Hund, die Eidechsen und die Frösche wurden ihre Spielkameraden, für die sie aus Schieferblättern kleine Häuser baute, mit denen sie sang und ihre Phantasiewelt ausbaute. Ihr Spielplatz war der große Stausee hinter dem Haus und der hügelige Wald vor dem Haus, der Zauberwald mit all den Fabelwesen, die sie sich darin ausdachte. Bücher, Bilder und die Personen darin ersetzten ihr gleichaltrige Freunde. Lesen und Schreiben waren Schlüssel zur Freundschaft.

"Lern was Anständiges"

Kein Wunder, dass die Schule mit den echten Kindern, die so ganz anders waren als die Freunde aus Märchen und Geschichten, dem aus der Waldeinsamkeit kommenden Mädchen zunächst wenig Spaß machte. Das änderte sich erst durch die Faszination des in der Schule vermittelten Wissens.

Mit elf Jahren, Karin Jäckel hatte inzwischen einen Bruder bekommen, siedelte sich ihre kleine Familie nach zahlreichen Umwegen im Saarland an. Bis dahin hatte sie bereits einiges geschrieben, doch leider fand der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beim Vater ebenso wenig Anklang wie die Tatsache, dass ihr Lehrer ihr Gesangstalent entdeckt hatte. "Lern was Anständiges!", hieß es.

Germanistik, Kunstgeschichte und Sprecherziehung schien den Eltern anständig genug. Dass die Tochter keineswegs beabsichtigte, den Wunsch der Eltern zu erfüllen und Lehrerin zu werden, sondern zielstrebig daran arbeitete, sich ein Sprungbrett für ihren Traumberuf als Autorin zu schaffen, ahnten sie damals nicht.

Im Sommer 1971, noch als Studentin, heiratete Karin Jäckel den Chemiker Klaus-Peter Jäckel, promovierte 1975 kurz vor der Geburt ihres ältesten Sohnes und zog 1983 nach Oberkirch, da ihr Ehemann bei BASF in Willstätt arbeitete. Wie geplant, begann sie sofort nach der Promotion als freie Journalistin und Schriftstellerin zu arbeiten und setzte diesen Weg bis heute ununterbrochen fort.

Die freiberufliche Tätigkeit erwies sich auch für die wachsende Familie der Autorin als genau richtig. "Es war wunderbar, bei meinen Kindern zu Hause zu sein und trotzdem meinen Beruf ausüben zu können. Ich habe es nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben", so Karin Jäckel, die 1983 längst mit Kinderbüchern, Fabeln, Märchen und Geschichten bei einem Kinderbuchverlag unter Vertrag stand.

Tiefer gehen

Doch sie wollte tiefer gehen, Romane schreiben, die sich an der erlebten Geschichte orientieren, an Schicksalen, die das Leben schreibt. "Die Menschen kommen auf mich zu, finden mich, lassen mich an ihrem Leben teilhaben. Und manchmal mache ich aus ganz besonderen Erfahrungen ein Buch-, eine ganz enge Interpretation des Geschehens."

Ihre Bücher heißen "Ich bin nicht mehr eure Tochter", "Sag keinem, wer dein Vater ist" oder das neuste, gerade erschienene Buch "Nicht ohne meine Kinder" über eine Mutter, die gegen das Jugendamt kämpft, das ihr zwei ihrer drei Kinder nahm, weil sie arbeitet und ihre Kinder in dieser Zeit von einer professionellen Tagesmutter betreuen ließ.

Ihre sozialkritischen Themen handeln von Missbrauch und Gewalt gegen Kinder, von Vätern und Müttern, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen und von Kindern, die den Fängen von Sekten entkommen sind. Es geht um Erziehung und Liebe, um soziale Ungerechtigkeit und heftig erfahrenes Leid.

"Ich möchte mit meinen Büchern den Menschen ihr Leben wieder zurückgeben, ihnen helfen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, ihnen Worte geben." Es sind Bücher von Menschen, die das Leid sprachlos gemacht hat, die sich in unberechtigten Schuldgefühlen und Selbstzweifel wiegen, erzählende Sachbücher aus der Ich-Perspektive.

Auch in Funk und Fernsehen ist der Rat der erfahrenen Autorin gefragt, und der Kummerkasten für Kinder und Erwachsene auf ihrer Internetseite www.karin-jaeckel.de muss täglich neu geleert werden.

Zwei neue Bücher sind in diesem Monat erschienen, "Nicht ohne meine Kinder" und "Die Frau des Reformators", welches das Leben der Frau beschreibt, die Martin Luther einen Heiratsantrag gemacht hat, die den Klostermauern, die er mit seinem Wirken zum Einsturz gebracht hat, unter Lebensgefahr entrinnen konnte und deren Porträt die studierte Kunstgeschichtlerin von Jugend an faszinierte.

Torbogen gestiftet

"Sagt dem Doktor Martinus," ihn würde ich nehmen«, lässt Katharina von Bora dem Reformator ausrichten und Luther, der bis dahin wenig an Heirat dachte, findet die entsprungene Nonne auf einmal bemerkenswert - so wie Karin Jackel, die das erste Mal einen historischen Roman geschrieben hat. "Diese außergewöhnlich mutige Frau hat mich fasziniert, Ich bin ein Stück ihres Weges gegangen, habe mich in Wittenberg in die Elbeniederung gestellt, die Nebel aufsteigen sehen und bin durch den Torbogen gegangen, den sie ihrem Mann zum Geburtstag gestiftet hat", erzählt Karin Jäckel. Vielleicht war dieses Buch der Anfang einer Reihe über Spuren von Menschen, die gewesen sind.

Vielleicht wird sie aber auch noch lange auf den Spuren der Lebenden wandeln, auf Spuren, die sie manchmal selbst an Abgründe des Erträglichen bringen. Doch da sind ihre drei Söhne und ihr Mann, die sie auffangen, die Familie, für deren Sinn und Erhalt sie sich einsetzt, im Leben und in ihren Büchern.