"Helfermafia" und "Fürsorgestasi"-
Über den "Missbrauch mit dem Missbrauch"

Ein Beitrag von Karin Jäckel aus dem Buch
"Hilfen für missbrauchte Kinder"
herausgegeben von Katharina Klees und Wolfgang Friedebach
1997 Beltz Verlag Weinheim und Basel

Rund zehn Jahre dauerte es, bis die anfangs überwiegend von in ihrer Kindheit missbrauchten Frauen getragene Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in das öffentliche Bewusstsein drang und man zu glauben begann, dass das Ungeheuerliche wirklich passiert und dass es oft passiert.

Nur widerstrebend sah man allmählich ein, dass die immer zahlreicher veröffentlichten Erfahrungsberichte Betroffener kein absurdes Theater, sondern grausame Tatsachen sind.

Man erkannte, dass es Menschen, die Sex mit Kindern treiben, in jeder Gesellschaftsschicht gibt. Man musste sich eingestehen, dass die Warnung vor dem bösen Mann im Wald die falsche Warnung ist. Dass sexueller Kindesmissbrauch meist in geschlossenen Wohnungen geschieht und die Täter und Täterinnen den Opfern vertraut sind.

Väter und Mütter wurden als Täter und Täterinnen enttarnt, Onkel und Tanten, Großväter und Großmütter, Brüder und Schwestern, der beste Freund und die beste Freundin, der nette Nachbar und die hilfsbereite Nachbarin, der jugendliche Babysitter, der seriöse Arzt, sogar der über jeden Zweifel erhabene Herr Pfarrer.

Man begriff, dass sexueller Kindesmissbrauch kein Gossenschicksal ist und dass es jedes Kind treffen kann, auch das eigene.

Aber nur wenige Monate der Jahre 1993 und 1994 dauerte es, bis die in zehn Jahren mühsam erkämpfte Glaubwürdigkeit der Opfer wieder in Frage gestellt wurde.
"Der Missbrauch mit dem Missbrauch" - auf einmal war es da, tickerte als Superschlagzeile durch sämtliche Medien und entfaltete eine Wirkung wie ein Zauberwort.

Zuerst war es eher ein Insiderbegriff, der vor allem von pädophilen und päderasten "Kinderliebhabern" in die Diskussion geworfen wurde, die vor dem Gesetz als Kinderschänder gelten und Strafverfolgung zu fürchten haben.
Ihnen ging es mit dem Wort vom Missbrauch des Missbrauchs um ihren Anspruch auf straffreie Sexualität mit Kindern und Jugendlichen.

Plötzlich aber - im Zuge der Medienspektakel um den des sexuellen Kindesmissbrauchs verdächtigten weltberühmten Filmregisseur Woody Allen und den ebenfalls verdächtigten, noch berühmteren Pop-Superstar Michael Jackson - wurde der Vorwurf, man treibe Missbrauch mit dem Missbrauch, zu einer teilweise außerordentlich erregt geführten öffentlichen Debatte.

Auf einen Schlag war der Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs aus seinem Schattendasein im vermeintlich sozialen Untergrund hervorgeholt.
Mit einem Schlag war aus dem nur zögernd verinnerlichten Lippenbekenntnis, dass es überall passieren und jede/-er zum Täter, zur Täterin werden könne, eine jederman und jederfrau bewusste Tatsache geworden.
Vor allem war jedoch bewusst geworden, dass Verdächtigungen vor niemandem Halt machen und dass allein der geäußerte Verdacht ausreicht, selbst millionenschwere, bodyguardgesicherte Megastars wie Michael jackson innerhalb von Tagen von der Bühne fegen und ins Abseits zu drängen.
Wenn nicht einmal Idole und Helden sicher vor Verdächtigungen sind, wer, bitte - so fragte man sich -, ist es dann überhaupt?

Das Mitgefühl mit den "armen Kindern", das bis jetzt die öffentliche Diskussion geprägt hatte, schlug binnen kürzester Zeit die Angst um die eigene Person und deren Sicherheit um. Parallel dazu, wie die Angst das Mitgefühl mit den Kindern verdrängte, stieg die Bereitschaft zu Zweifeln.

Für die Medien als Spiegel und zugleich auch "Anheizer" der öffentlichen Meinung war das Thema Kindesmissbrauch fast über Nacht out.
Wer wie ich mit Presse und Fernsehen eng zusammenarbeitet, erfährt dieses "out" in ganz besonderer Weise.
"Sexueller Kindesmissbrauch - ach wissen Sie, das hatten wir schon so oft. Ist jetzt kein Thema. In einem Jahr vielleicht wieder. Aber "Missbrauch des Missbrauchs", wenn Sie da was haben..."
So oder so ähnlich klingt es ausfast allen Redaktionen. Kindesmissbrauch ist out, Missbrauch des Missbrauchs ist in.
Eine gefährliche Entwicklung. Geschürt von denen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Klischees wie Alle Väter sind Täter oder Alles Einbildung prägen die Diskussion der öffentlich gegeneinander antretenden "parteilich Arbeitenden" und der "Warner" und behindern in einer so extremen Vorurteilshaltung das erkennen der Wirklichkeit.
Vor allem aber prägen sie die öffentliche Meinung und gleichzeitig mit dieser die Motivation des Einzelnen und der Gruppen, zu handeln und zu helfen.

Wenn der öffentliche Eindruck entsteht, dass es weit weniger tatsächliche Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gibt als erfundene und dass die meisten Opfer unter falschen Einbildungen leiden, die ihnen ein gewinnsüchtiger Psychologe oder Therapeut eingeredet hat, wird der tatsächliche sexuelle Kindesmissbrauch schon sehr bald wieder zum bestgetarnten Verbrechen der Welt.

Schon heute findet die sogenannte öffentliche Hand in dieser Argumentation ein willkommenes Argument, den Geldbeutel der öffentlichen Mittel zuzuziehen und allenthalben zu kürzen und zu streichen.
Ob dies im Bereich des Stellenabbaus geschieht oder der medizinische Versorgung, im Bereich der psychologischen und therapeutischen Maßnahmen oder auch im Rahmen der Möglichkeiten betreuten Wohnens und ähnlicher Angebote für Opfer.
Von Angeboten vergleichbarer Art für Täter und Täterinnen ganz zu schweigen!
Wie der Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses Eylmann (CDU) im Januar 1997 erklärte, stünden für 2.600 Verurteilte nur rund 900 Haftplätze in sozialtherapeutischen Einrichtungen zur Verfügung.

Alle Väter sind Täter - dieser Ausspruch aus hitzigen feministischen Debatten fand öffentlich immer nur eine begrenzte Zustimmung. Auch ich lehne ihn ab.

Hingegen muss man sich eingestehen, dass jeder Mensch unter nicht kalkulierbaren Bedingungen zum Täter oder zur Täterin eines gewaltsamen Übergriffes auf andere werden kann. In jedem von uns steckt das Gewaltpotential eines Mörders oder einer Mörderin.
Ob und wie es zum Ausbruch kommt, hängt letztlich nicht nur von unserem Verstand und Steuerungsvermögen ab, sondern auch von einer Vielzahl äußerer Bedingungen.

Sehr oft habe ich in Gesprächen mit Männern, die zu Kinderschändern geworden sind, gehört, dass sich der letztlich entscheidende sexuelle Übergriff auf das kindliche Opfer nicht Knall auf Fall ereignete. Fast immer gab es eine Zeit des Heranreifens zum Täter.
Das heißt, die Entwicklungsphase zum ersten schwerwiegenden Übergriff baute sich allmählich auf. Sie lief darauf hinaus, dass dieser Reiz ein zweites und immer ein weiteres Mal gesucht und provoziert wurde, wobei das Kind genau beobachtet wurde.
Lachte es, schien es Spaß an der Berührung zu haben, die den Kitzel in dem Erwachsenen hervorrief, wurde dieses Lachen als Zustimmung verstanden.
Meist steigerte sich anschließend das Maß der sexuellen Handlung. Und irgendwann war es schließlich so weit, dass der Erwachsene sich selbst nicht mehr im Griff hatte und Ernst aus dem Spiel machte.
Dass das Kind mit den vorausgegangenen Spielchen ganz andere Gefühle und Wünsche verbunden hatte als Erwachsene, war den meisten Tätern nicht bewußt.

Sie werden zu Recht anführen, dass man als Erwachsener gewisse gesellschaftliche Regeln und Tabus zu beachten habe. Dass man nun mal keinen Sex mit Kindern treibt. Punktum!
Aber man bringt auch keinen Menschen um; und viele tun es doch.
Und man verprügelt auch Frau und Kinder nicht; und viele tun es doch.
Oder man betrügt auch das Finanzamt nicht; und viele tun es doch.
Ich glaube, irgendwann hat fast jede/-r schon einmal einer schwächeren Person die eigene Macht übergestülpt oder es zumindestest versucht.

Wie dies geschieht, wie sich das eigene seelische Magma im Innersten so weit hochschaukelt, dass es endlich überschwappt und zur Gewalt wird, ist so vielschichtig und vielfältig wie die Menschen selbst. Selten nimmt man es von außen wahr. Täter und Täterinnen aber nehmen es auch von innen nicht wahr. Klar ist den meisten nur, wie man der Strafe entgeht, die der bösen Tat zu folgen droht.

In einem allgemeinen Klima der Begünstigung geschehen Straftaten fast selbstverständlich. Ich denke hier etwa an Kriegszeiten, in denen Vergewaltigungen das Recht des Siegers zu sein scheinen. Oder an Zeiten wie die gegenwärtige, wenn der Staat seine Bürger steuerlich bis zum Unerträglichen schröpft, sodass Steuerbetrug zum Kavaliersdelikt entartet und selbst der Ehrlichste nicht länger der Dumme sein will.

Auch im Zusammenhang mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern herrschte bis vor rund zehn Jahren ein Klima der Begünstigung, in dem die Opfer schwiegen und so die Täter schützten. Es liegt an uns, ob dieses Klima sich erneut ausbreitet. Dann nämlich, wenn die Debatte um den Missbrauch mit dem Missbrauch nicht versachlicht wird.

Schon heute hat sich ein großer Teil der Bevölkerung auf den Standpunkt "Alles Lüge" zurückgezogen. Das Stichwort vom Missbrauch mit dem Missbrauch ist auf fruchtbaren Boden gefallen und hat umso rascher Blüten getrieben, als es dem allgemeinen Wunschdenken entspricht.

So finden Kritiker offene Ohren, wenn sie behaupten, weltweit sei dank einer rasent ansteigenden Zahl unzulänglich ausgebildeter Leute, die sich Psychotherapeuten nennen, eine "Epedemie der wieder erweckten Erinnerungen" ausgebrochen.
Das menschliche Gedächtnis sei nun einmal kein Tonband oder eine Videokamera.
Keineswegs könne es alle Ereignisse von der Geburt an oder gar aus vorgeburtlicher Zeit bis zur Gegenwart speichern und quasi auf Abruf wieder freigeben, wenn das Erinnerungsband an der richtigen Stelle vor oder zurückgestellt werde.
Im Gegenteil sei experimentell bewiesen, dass das menschliche Gehirn höchst unzuverlässig funktioniere und durch eingeschleuste Informationen jederzeit fehlgesteuert werden könne.
Eine Möglichkeit des Einschleusens sei beispielsweise die Technik des Befragens, die in der Psychotherapie oder bei der Erstellung von Glaubwürdigkeitsgutachten angewandt werde.

In den USA, wo man einst zum Vorreiter der gesamten Aufklärungsarbeit über die sexuelle Ausbeutung von Kindern wurde, werden heute Kritikerstimmen besonders laut.
Vor allem Elisabeth Loftus, Professorin für Psychologie an der University of Washington in Seattle und "Engel" derer, die in den USA aufgrund von Zeugenaussagen verurteilt wurden, vertritt die Auffassung, dass Erinnerungen nicht fotografisch genau gespeichert, sondern in demselben Maße ungenau und verzerrt festgehalten werden, wenn Angst und ähnlich starke Gefühle im Spiel sind.
Selbst einst kindliches Opfer eines sexuellen Missbrauchs, vergleicht Elizabeth Loftus Kollegen, die durch raffinierte Fragetechniken Erinnerungen zu beleben versuchen, mit gefährlichen Scharlatanen.

Als Startschuss zur Selbstverteidigung versteht sich eine "Falsche Erinnerungs-Syndrom-Stiftung" (False Memory Syndrome Foundation), die es seit 1992 in den USA gibt.
Sie wurde von Eltern gegründet, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, weil ihre Kinder in einer therapeutischen Behandlung entsprechende Erinnerungen neu belebt hatten.
In nur anderthalb Jahren wuchs die Anzahl der Mitglieder auf 8000 Personen.

Vergleichbare Organisationen sprießen auch in Deutschland aus dem Boden.
Vor allem eine Gruppierung namens SEM (Ein Dach über dem Kopf-Sozialhelferstation Mensch in Not e.V.) macht von sich reden.
Ursprünglich aus einem Verein hervorgegangen, der sich für Sozialhilfeempfänger engagierte, versteht sich die mit ihrem Hauptsitz in (48695) Stadtlohn ansässige und dort von Peter Stoßhoff begründete Selbsthilfegruppe heute hauptsächlich als Intressenverein für des sexuellen Missbrauchs angeklagte Eltern.

Ute Hasskamp, Rechtsanwältin in Düsseldorf, vertritt oftmals in SEM organisiserte Eltern gegen die "Massenhysterie des Missbrauchsvorwurfs".

In einem Telefoninterview, das sie mir am 7.Oktober 1994 gestattete, sagte sie:
"Betroffene Eltern können den zu ihrer Entlastung von dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs benötigten Unschuldsbeweis kaum erbringen. In der Regel werden ihnen ihre Kinder bereits bei dem geringsten Verdacht weggenommen, werden verschleppt, in Heimen untergebracht und kommen oft überhaupt nicht mehr nach Hause zurück. Da durch Diagnosebefragung oder Mehrfachbefragung das kindliche Erinnerungsvermögen als Erkenntnisquelle verschüttet wird, haben angeschuldigte Eltern selten eine Chance. Hier sehe ich meine Aufgabe als Anwältin, den betroffenen Eltern zu helfen. Und insofern habe ich mit SEM zu tun."

Zur Erleichterung der Arbeit des Vereins für betroffene Eltern wurde beispielsweise ein "Fragebogen zum Thema "Kindeswegnahme"" entwickelt, der in über 30 Fragepunkten den spezifischen Einzelfall ermittelt.
Zusätzlich zu dem beantworteten Fragebogen soll eine eigene Stellungnahme zu den erhobenen Beschuldigungen sowie eine Stellungnahme zu den Erfahrungen des Betroffenen mit den Ermittlern, Jugendbehörden und anderen beigefügt werden.

Obwohl die SEM allgemein noch wenig bekannt ist, erfreut auch sie sich regen Zulaufs und machte beispielsweise im Zusammenhang mit Recherchen zu diversen Fernsehbeiträgen von sich reden, die 1993 und 1994 etwa in Spiegel-TV bei SAT 1 zum Thema Missbrauch mit dem Missbrauch ausgestrahlt wurden.

Zu fragen bleibt, inwieweit die Angst vor Verleumdung berechtigt ist und das Zustandekommen von Organisationen wie SEM eine längst überfällige Reaktion von fälschlich in die Enge getriebenen Verdächtigen.

Amerikanische Untersuchungen von David P.H. Jones am Park Hospital of Children in Oxford ergaben, dass von 576 untersuchten Fällen des sexuellen Missbrauchs 70 Prozent der Wahrheit entsprachen.

27 Prozent der erhobenen Anschuldigungen beruhten auf falschen Schlussfolgerungen bei vorhandenen Verdachtsmomenten, gingen also auf das Konto von Erwachsenen, die sich mit dem Fall befassten.

Lediglich 3 Prozent der Anschuldigungen entsprangen der bloßen Phantasie. Allerdings der Phantasie von Erwachsenen, die diese Anschuldigungen im Namen eines Kindes erhoben hatten! Nur fünf der 21 Fallbeispiele im Rahmen dieser 3 Prozent Falschanschuldigungen wurden von Kindern selbst erfunden. Neun waren von Erwachsenen ausgedacht worden. Sieben Fälle kamen als Gemeinschaftswerk von einem Erwachsenen und einem Kind zustande.

Schlussfolgernd bedeutet dies, dass von 576 Fällen des sexuellen Kindesmissbrauchs 16 Fälle von Erwachsenen erfunden und weitere 155 Fälle von Erwachsenen falsch interpretiert und ungerechtfertigt als Missbrauchshandlungen angeklagt wurden. Hingegen beruhten nur fünf Vorwürfe auf Falschaussagen von Kindern!

Nach der Glaubwürdigkeit von Kindern gefragt, heißt das, dass Kinder nahezu immer wahre Anschuldigungen erheben. Schwierigkeiten mit der Wahrheit haben eher die Erwachsenen. Wobei eindeutig die meisten Schwierigkeiten bei denjenigen Erwachsenen liegen, die beobachtete Wahrnehmungen interpretieren müssen.

Ziehen wir deutsche Zahlen heran, scheint sich diese Behauptung zu bestätigen.
In Baden-Württemberg zum Beispiel wurden 1993 von allen erhobenen Anschuldigungen des sexuellen Kindesmissbrauchs nur 45 Prozent richterlich bestätigt und die Missbraucher verurteilt.

Nicht ersichtlich ist, warum 55 Prozent der Tatverdächtigen straffrei ausgingen.
Hier mag die Tatsache greifen, dass Erwachsene die Beurteilung der erhobenen Anschuldigungen zu bewerten und zu beurteilen haben und dabei möglicherweise einer großen Fehlerquote unterliegen.
So kann es durchaus sein, dass Richter zwar den Anschuldigungen der meisten Opfer in diesen 55 Prozent der Anzeigen geglaubt haben, die Missbrauchshandlung aber im juristischen Sinne nicht zweifelsfrei zu beweisen war.
Es mag auch sein, dass zahlreiche der Missbrauchshandlungen bereits verjährt waren und daher nicht mehr strafrechtlich geahndet werden konnten.
Ebenso wäre es denkbar, dass viele Anklagen aufgrund von Fehlinterpretationen Anzeige erstattender Erwachsener zustande gekommen waren und sich daher letztlich als haltlos erwiesen.

"Zustände wie in der Hexenverfolgung", wie Ute Hasskamp als Anwältin der SEM es nennt, dürfen aber trotz aller Parteilichkeit für Kinder nicht einreißen. Und nie darf bloßes Denunziantentum dazu führen, dass das Leben Unschuldiger in Mitleidenschaft gezogen wird.

Dennoch erstaunt es, mit welcher Vehemenz hier die nachweislich an einer Hand abzuzählenden Prozentanteile der Falschanklagen aufgebauscht werden, während sich am anderen Ende der Skala bergeweise Beschuldigte tummeln, die mit allen Wassern gewaschen sind und denen jedes Mittel recht ist, ihre Tat als Lüge darzustellen und glaubhaft zu machen.
Lange genug haben sie ja Zeit gehabt zu üben, wie sie ihr Tun am geschicktesten vertuschen, verheimlichen, verbergen und in den Bereich der kindlichen Märchen abschieben können.
Jetzt vor Gericht und vor den Augen von Helferorganisationen wie SEM, wissen sie die ehrenhaften Biedermänner darzustellen und damit die öffentliche, höchstrichterliche Bestätigung zu erhalten, dass sie keine Straftat begangen haben.
Dass sie also auf dem richtigen Weg sind, wenn sie so weitermachen wie bisher.

Was Wunder, dass man in den USA bereits Überlegungen anstellt, das Entlastungsprinzip in dubio pro reo bei Sexualdelikten umzukehren.
Denkbar wäre, in solchen Fällen eine gesonderte Akte über den Tatverdächtigten anzulegen, die nicht verjährt und in der sowohl die Anschuldigungen eines Sexualdeliktes wie auch solche Delikte gesammelt würden.
In diesem Fall hätte man eine Akte vergleichbar der Flensburger Verkehrssünderkartei, an deren Punktezahl die Summe der vor einem konkret zu verhandelnden Fall erhoben und nicht zur Strafe gekommenen Anschuldigungen Gewicht erhielte.

Ich fürchte, von solcher Akte werden wir im deutschen Justitzwesen wohl noch in dreißig Jahren träumen!

Trotz allen Verständnisses für die Opfer einer Verleumdung und aller Bemühungen, Falschanklagen auszuschließen, tun sich die Vertreter der Opferinteressen schwer mit dem Vorwurf der Massenhysterie, der beispielsweise von Ute Hasskamp und Persönlichkeiten wie Katharina Rutschky oder auch Reinhard Wolff erhoben wird.
Hier wird ganz sicher das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Und die Folgen für die Arbeit der Helfer sind bereits jetzt schwer wiegend negativ.

Mitarbeiter und Mitaarbeiterinnen etwa der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt klagen mir in verschiedenen Interviews aus Anlass meiner Bücher zum Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs, dass sie sich mehr oder minder unverhohlen als "Helfermafia" und "Fürsorgestasi" beschimpfen lassen müssen.
Andere, wie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Notrufzentralen und Frauenhäuser, versicherten mir, dass sie sich oftmals nicht wagten, ein Opfer, das Anzeige erstatten wolle, zur Polizei zu begleiten, da dort sofort der Verdacht aufkäme, dass Erinnerungen manipuliert worden seien.

Eine solche Entwicklung mag vielleicht denjenigen recht sein, die einen Missbrauch des Missbrauchs hinter fast jeder Anklage gegen sexuellen Kindesmissbrauch als geboten behaupten.
Auch Tätern ist eine solche Darstellung ohne Zweifel hoch willkommen.
Für die Opfer des sexuellen Kindesmissbrauchs hingegen gerät sie zu einem neuerlichen Spießrutenlauf.

Leider ist das "Wohl des Kindes" rechtlich nicht definiert. So kann es ein jeder nach seinem Gutdünken auslegen. Ich denke, es ist allerhöchste Zeit, das Kind de facto und unmissverständlich aus der Rolle des vermeintlichen Besitzes Erwachsener herauszuholen. Das Kind als Sache und Gebrauchsartikel - der Artikel das Kind sagt es klar. Woran bemisst man heute den Wert eines Kindes?

Die Minderwertigkeit des Gebrauchsartikels Kind belegt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Vergewaltigung einer erwachsenen Person mit schwerer Freiheitsstrafe bedroht ist und doppelt so lange nicht verjährt wie der sexuelle Missbrauch eines Kindes. Und das, obwohl dieser Missbrauch von seinem Tatbestand her eine oft tausendfache sexuelle Gewalthandlung darstellt und obendrein einem wehrlosen Schwächeren angetan wird.

Und noch etwas: Wie steht es mit dem Strafmaß für den sexuellen Missbrauch an einem Kind? Steht nicht auch dieses Strafmaß in keinem Verhältnis zu den lebenslangen und schwer wiegenden Folgen für das kindliche Opfer?

Wer des sexuellen Missbrauchs an einem Kind überführt wurde, kommt nur zu oft mit Bewährungsstrafen unter zwei Jahren davon. Sehr selten führt die Tat zu Strafen von vier bis maximal 10 Jahren. Wobei die Regel ist, dass überführte Missbraucher umgehend in Revision gehen und ihnen die Tatsache nur zu oft Recht gibt, dass eine nächste Instanz das Starfmaß des ersten mindert.

Wenn Sex mit Kindern etwas so wenig Verwerfliches ist, wie uns diese niedrigen Strafen glauben machen wollen - wo sind dann die Massen an Kindern und Jugendlichen, die vor Gericht bereitwillig erzählen, wie schön sie es fanden?
Wo sind die Massen der Kinder und Jugendlichen, die das Recht auf Sex mit Erwachsenen per Transparent einfordern, so, wie sie etwa für bessere Bildungschancen auf die Straße gehen?
Weshalb sprechen soviele Pädagogen und Entwicklungspsychologen von Schäden in der Entwicklung von Kindern, die von Erwachsenen zu sexuellen Aktivitäten manipuliert wurden?
Warum auch unterscheiden sich kindliche sexuelle Aktivitäten so grundlegend von denen der Erwachsenen?
Warum haben Jugendliche denn so große und lang andauernde Schwierigkeiten, bis sie mit ihrem in der Pubertät veränderten Körper wieder in Einklang sind?
Und warum sind schon Säuglinge denn so auf Nähe, Zärtlichkeit, Wärme, Haut und Liebe aus?
Etwa wegen Sex?
Und warum finden Kinder so wenig an den nassen, eklig klebenden Genitalien, die Erwachsene ihnen als das Tollste vom Tollen anpreisen?
Warum wohl sind Kinder und Jugendliche so, wie sie sind; und zwar zu allen Zeiten, in allen Gesellschaften und in allen Kulturen?

Ganz leise erst dämmert es Spezialisten und Spezialistinnen, dass nur das Kind selbst weiß, wie es in ihm aussieht, wie groß und schwer wiegend die Folgen sind, wenn Erwachsene ihnen ihre erwachsenen Form der Sexualität aufgezwungen haben und wie wenig das alles verarbeitet werden kann.

Ganz leise dämmert es auch, dass diese Folgen nicht nur mit dem Ausmaß des sexuellen Missbrauchs zu tun haben, sondern weit eher mit dem Ausmaß der emotionalen Ausbeutung des Kindes und seiner seelischen Selbstentwertung. Wir wissen noch so wenig über die Hilfe, die wir Kindern anbieten können. Noch so wenig über wirkungsvolles Wiedergutmachen. Wo ist aber die Forschung?

Warum stützt sich die Forschung immer noch auf die Frage, gibt es den Missbrauch oder gibt es ihn nicht? Zahlenmaterial, das es längst gibt, beweist doch, dass er Fakt ist! Es müsste - wie 1992 auf dem Kongress des Familienministeriums angekündigt - nur endlich publiziert werden. In "Psychologie heute" (7/1995) werden die Zahlen, die durch das Kriminologische Institut Niedersachsen erhoben wurden, mit 82.000 Fällen pro Jahr diskutiert. Hier kann doch niemand allen Ernstes das tausendfache Leid von sexuell ausgebeuteten Kindern und den enormen Bedarf an Beratungseinrichtungen und Fachleuten bestreiten.

Warum also bestätigen sich die Fachkräfte und Forscherteams immer noch als Schwarzweißmaler mit der Frage: Echter Missbrauch oder erlogener Missbrauch?

Wo sind die Bemühungen für Opfer und TäterInnen?
Wo sind die bahnbrechenden Forschungsergebnisse über die unterschiedlichen Formen des sexuellen Missbrauchs und deren unterschiedliche Auswirkungen?
Über die tiefen Ursachen?
Über die Hilfe, die ein Mensch von klein auf erfahren muss, um den so vielschichtigen in seinem Innersten verborgenen Mechanismen weniger ausgeliefert zu sein?

Kindesmissbreauch und Missbrauch mit dem Missbrauch - steht bei diesem Streit um das wahre, das echte Missbrauchsgeschehen überhaupt noch ein Mensch im Mittelpunkt des Interesses?
Geht es überhaupt noch um Kinder als Opfer sexueller Straftäter?
Geht es nicht vielmehr längst um ein öffentliches Gerangel, um politisches Gehör und die Konkurrenz bei der Verteilung der immer spärlicher fließenden öffentlichen Gelder zur Finanzierung der jeweils persönlichen Einrichtung?

Wenn dies so wäre, bei einem solchen Tanz um das Goldene Kalb bliebe eines dann jedenfalls ganz sicher auf der Strecke.
Das Wohl des Kindes.

Karin Jäckel