Plädoyer für die Familie

Gott schuf den Menschen als Paar aus Mann und Frau. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen und wünschte sich, daß auch sie beide Freude aneinander hätten und sich gegenseitig hilfreich zur Seite stünden. Andere Aufgaben sah er nicht für sie vor, da er ihnen einen Lebensraum geschenkt hatte, der ein sorgenfreies Dasein gewährleistete.

Mann und Frau entwickelten sich jedoch anders, als Gott es geplant hatte. Sie widersetzten sich seinen Befehlen und entdeckten die verbotene sexuelle Seite der Liebe. Die bösen Folgen folgten mit aller Konsequenz. Gott warf seine ungehorsamen Geschöpfe aus dem Paradies. Zusätzlich verdammte er sie dazu, den "Apfel" der sexuellen Lust, der ihnen den Verlust des Paradieses wert gewesen war, auf immer und ewig zu essen. Die Frau solle stets Verlangen nach dem Mann tragen und er nach ihr, so daß sie "ein Fleisch sein" wollten und einer um des anderen willen die Sicherheit des Elternhauses verlassen müsse. Um die Strafe noch härter zu gestalten, ordnete Gott an, daß die Frau ihre in Lust empfangenen Kinder unter Schmerzen zu gebären und der Mann im Schweiße seines Angesichtes für seine Familie zu sorgen habe.

Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, faktisch nicht nachprüfbar, aber Teil des Glaubens und der Kirche, die das gesellschaftliche Leben der Christen seit zwei Jahrtausenden geprägt haben. Niemand der diese Prägung nicht am eigenen Leibe spürt. Selbst der erklärte Atheist nicht, der Gott verneint. In unserem Unterbewußtsein sitzt das Erbe der Generationen und wirkt fort.

Gerade weil uns das Unterbewußtsein sagt, daß es eine über das Irdische hinausgehende Kraft gibt, nach der sich das Innerste ausrichten will wie die Blume nach der Sonne, gerade deshalb ist die Kirche von heute in Verruf geraten. Sie erfüllt das elementare Bedürfnis des Menschen nach einer über jeden Zweifel erhabenen liebenden Macht nicht mehr. Ja, sie scheint vergessen zu haben, daß sie als Stellvertreter dieser Macht um der Menschen willen da ist, nicht umgekehrt der Mensch für die Kirche.

Immer öfter fällt die Frage, ob Jesus wohl Mitglied der Kirche von heute wäre? Ob er die Splitterkirchen und den Brudermord im Streit um den wahren Gott gut heißen würde? Ob er einvernehmlich mit dem Papst gegen Kondome und andere künstliche Verhütungsmittel wüten würde? Ob er sich in Pilatus-Manier von der Not ungewollt schwangerer Frauen abwenden und den Schutz des ungeborenen Lebens über alles erheben würde, während das geborene selbst sehen muß, wie es zurechtkommt? Ob er seine Gemeinden lieber ohne Priester sähe als mit einer Priesterin? Ob er Priestern die Liebe verbieten und ihre Kinder als "Tempelschänder" brandmarken würde? Ob er die Kinderschänder unter der Maske des Seelsorgers dulden könnte? Ob er diese sich allenthalben zeigende Doppelmoral mittragen würde? Oder gehörte er zu denen im Volk, die rufen "Wir sind Kirche" und gegen erstarrte Lebensfremde in der Amtskirche auf begehren? Gehörte er zu denen gar, die ihren Protest ausdrücken, indem sie keine Kirchensteuern mehr zahlen?

Und dennoch, allen Zweifel an der Kirche zum Trotz, lebt der Mensch bis heute in genau der Weise die der Schöpfergott des Alten Testaments über ihn verhängte. Es verlangt den Mann nach der Frau und umgekehrt. Wie mit der Anziehungskraft mächtiger Magneten ist die Sehnsucht nach Zweisamkeit und Familie in den Archetypen der Seele verankert.

Manche Forscher behaupten, es gäbe für jeden Menschen weltweit etwa fünf Partner, mir denen ein lebenslanges Liebesglück möglich wäre. Andere wollen herausgefunden haben, daß jeweils nur einer für den anderen bestimmt sei. Es hänge vom Erfolg der Suche nach der Nadel im Heuhaufen ab, ob man fündig werde oder nicht. Der Stein des Weisen steckt wohl in beiden Erkenntnissen nicht. Sicher ist einzig, daß Menschen aller Rassen, Farben und Kulturen den Traum von der großen Liebe auf immer und ewig träumen, in Leidenschaft zueinander entbrennen und eine eigene Familie zu gründen versuchen.

Wohlergehen und Liebe beginnen zu Hause, innerhalb der Familie, sagt man. Ein kluger Spruch, denn tatsächlich - von der Zeit der Rosen bis hin zum Rosenkrieg ist immer die Familie das Hamsterrad, in dem man sich nur zu oft beziehungsmüde oder gar beziehungsunfähig rennt.

Auf dem Land zerbricht in Deutschland gegenwärtig jede dritte Ehe. In der Großstadt ist es jede zweite. Erbittert wird die Sorgerechtsschlacht um gemeinsame Kinder und Unterhaltszahlungen geführt, wobei die Mutter eindeutig auf mehr Verständnis und Unterstützung zählen kann, als der Vater. Nicht nur, daß im Grundgesetz der Schutz der Mutter eigens verankert ist, nicht aber derjenige der Väter, nein, auch Jugendämter und andere Beratungsstellen erweisen sich zusehends als "Mütterämter" und bestärken Frauen in ihrem Bestreben, den Vater zwar dauerhaft als Unterhaltszahler zu binden, menschlich aber möglichst umfassend auszugrenzen. Schützenhilfe erhalten sie dabei von Rechtsanwälten, die angesichts ihrer stattlichen Einkünfte aus den Taschen ihrer Mandanten die lachenden Dritten im Scheidungskrieg sind. Als Folge dieser Einseitigkeit erhalten Mütter mit der überwältigenden Mehrheit von rund 80 Prozent fast automatisch das alleinige Sorgerecht für gemeinsame Kinder. Obwohl immer mehr Väter engagiert um einen regelmäßigen Kontakt zu ihren Kindern kämpfen, bleiben sie ihnen in der Regel bestensfalls als Gäste erhalten. Eine Besuchsregelung, die ein Wiedersehen im Vier-Wochen-Turnus und anteilige Ferienregelungen einschließt, ist Glück. Die meisten Väter und Kinder haben jedoch bereits wenige Monate nach der Trennung keinerlei Kontakt mehr zueinander, viele nicht einmal mehr per Unterhaltszahlung.

Beklagt wird die Abwesenheit der Väter laut. "Hart, gefühlsarm und gewalttätig" sei der Mann, heißt es im Februar 1998 als eines der Ergebnisse der Gleichberechtigungskonferenz des Bundesfrauenministeriums in Bonn, welches die Emanzipation als Herausforderung für Männer untersuchte. Anders als Frauen, die mehrheitIich emanzipiert seien, hätten die wenigsten Männer dazu gelernt. Immer noch sei ihre Lebensform hochriskant und berge eine soziale Gefahr, weil nahezu jeder Mann an ,,emotionaler Verstopfung" und "ständiger Selbstvergewaltigung leide. Dies aber sei zu kostspielig. Mit 29 Milliarden jährlich belaste der typische Mann die Kassen der Allgemeinheit, weil er häufiger mit dem Auto verunglücke als Frauen, die Frauenhäuser aufgrund seiner Gewalttätigkeit fülle, soziale Dienste arbeiten lasse, Gefängniswärter beschäftige sowie Krankenhauspersonal nebst Verwaltungen und Versicherungen auf Trab halte. Permanent unter Druck, ohne einen einzigen wahren Freund, sterben mehr Männer durch Selbstmord als Frauen.

Ein wenig Hoffnung räumte eine vorgelegte Studie aus den USA ein. Dort habe man bereits begonnen Männer "weiblich nachzusozialisieren", um sie freundlicher, offener und gesprächsbereiter zu machen. Auch deutsche Männer sind auf dem richtigen Weg. Der Berliner Soziologe Professor Walter Hollstem wies nach, daß unter den 28- bis 42 jährigen Ärzten, Pädagogen, Psychologen und Pfarren bereits "autarke" Persönlichkeiten herangereift seien, die ohne weibliche Hilfe bügeln, kochen und putzen und es mit dem Grad der weiblicher Emanzipation aufnehmen können.

Derartige Erkenntnis gehen uns Frauen doch wie Öl hinunter. Frauen, das bessere Geschlecht, endlich ist es offenbar. Es pfeifen die Spatzen von den Dächern, in jedem Frauenmagazin wird der weibliche Heiligenschein poliert, an jedem typischen Frauenkaffeeklatsch wird die Selbstverwirklichung der Frau zum Wonnethema Nummer Eins. Väter, darin sind immer mehr Frauen sich einig, sind allenfalls zum Geldverdienen gut. Sie interessieren sich sowieso bloß für den Beruf, für Geld, Fußball und Sex. Nur 11 Prozent der Frauen würden ihren eigenen Mann um Rat fragen, wenn es um Kinderprobleme geht. Die Mehrheit hält Väter schlicht für zu dumm und unfähig, mit Kindern umzugehen.

Was Wunder also, dass Frauen im Scheidungskrieg kaum Skrupel haben, den Vätern die gemeinsamen Kinder zu entziehen? Sie erfahren von allen Seiten Zustimmung und Unterstützung, wenn sie den Störenfried Vater aus ihrem neuen Leben ausschalten. Dass dies nicht nur die natürlichen Rechte des Vaters beschneidet, sondern auch eine folgenschwere Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Kindes bedeutet, wird nur zu gern vertuscht. Zwar ist hinlänglich bekannt, dass die meisten vernachlässigten, gewaltbereiten, drogenabhängigen, obdachlosen und promiskuitiven Jugendlichen Kinder alleinerziehender Mütter sind, doch niemand will wissen, dass diesen Kindern der Vater gefehlt hat.

Statt dessen erfahren scheidungswillige Frauen in Beratungen, dass Kinder ohne Väter besser dran sind, weil sie "autarke Mütter" erleben und die im Sommer 1998 greifende neue Sorgerechtsregelung, die ein gemeinsames Sorgerecht als Regelfall vorsieht, einen massiven Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau darstellt. Warnend wird die Stimme erhoben, dass ein gemeinsames Sorgerecht dem Ex-Mann ein ständiges Einmischungsrecht in die neue Familie der Frau erteile. Dass man zwar geschieden aber über die Kinder immer noch von ihm abhängig sei.

Verwundert es, dass bisher nur maximal 17 Prozent aller Scheidungspaare sich auf ein gemeinsames Sorgerecht einigen konnten? Dass lediglich magere fünf Prozent sich für den Verbleib gemeinsamer Kinder beim Vater entschieden? Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten bildet Deutschland mit diesen Zahlen einen traurigen Negativrekord. Immerhin belegen sie, dass gegenwärtig mehr Kinder durch den Willen eines Elternteils und den Beschluß des Familiengerichtes zu Halbwaisen werden als im dritten Weltkrieg durch Bomben.

Die Folgen der grassierenden Scheidungsepidemie sind dramatisch. Ein Durchschnittsverdiener hat in Deutschland etwa 3 500 DM monatlich in der Lohntüte. Im Scheidungsfall müssen davon zwei Familien versorgt werden. Nach der derzeitigen Splittingtabelle stehen einer Mutter mit zwei Kindern monatlich etwa 2 500 DM zu, dem Vater der Rest. Für beide Seiten zum Sterben zuviel und zum Leben zu wenig.

Wer Kinder hat, weiß, wieviel sie kosten. Angefangen damit, daß Kinder essen und trinken müssen, Windeln und Kosmetika brauchen, sind auch Kindertextilien unverhältnismäßig teuer. Dank gestiegener Mehrwertsteuer trifft die zusätzliche Last ausgerechnet die am härtesten, die die meisten Familienmitglieder und entsprechend den größten Verbrauch haben. Lehrmittelfreiheit an Schulen ist nur ansatzweise gewährleistet. Öffentliche Verkehrsmittel, die dank der Dezentralisierung von Schulen benutzt werden müssen, verschlingen regelmäßig stattliche Beträge. Mietraum wird immer teurer. Die Nebenkosten steigen permanent. Auch Kindergartenplätze und ähnliche Betreuungseinrichtungen sind nicht nur rar sondern teuer. Es ließen sich fast endlos weitere Beispiele aufzählen, die Eltern und Kinder zu den Verlieren, der Gesellschaftspolitik machen, insbesondere diejenigen unter ihnen, bei denen die Einkünfte knapp von der Hand in den Mund reichen.

Doch nicht nur alleinerziehende Mütter mit den bei ihnen lebenden Kindern geraten in die Kostenmühlen. Auch Unterhalt zahlende Väter werden davon erfaßt. Nicht allein, dass sie trotz ihrer Vollversorgerpflichten für ihre Ex-Familie steuerlich, wie Alleinstehende geschröpft werden. Nein, zusätzlich zu den Unterhaltszahlungen stottern Väter durchschnittlich rund 20 000,-- DM Scheidungskosten ab. Für den Fall, dass sie ihre Kinder besuchen oder zu sich einladen, sind neben den gemeinsamen Lebenshaltungskosten die unvermeidlichen Aufwendungen für Benzin, bescheidene Geschenke für die Kinder und ähnliches zu bestreiten. Wer nicht gerade Großverdiener ist, ist arm dran.

Die dritte Gruppe der neuen Armen ist die der Wiederverheirateten, die im Schlepptau ihre jeweiligen Ex-Familien mitfinanzieren. In der Regel unterhält jeweils der Mann die Frau, haften Väter für ihre Kinder. Ob dies die neue Partnerschaft belastet, spielt keine Rolle. Es ist dem geschiedenen Partner zuzumuten, eine Zusatzarbeit anzunehmen, um den Verpflichtungen aus der Ex-Beziehung nachzukommen. Notfalls wird sogar die neue Partnerin zur Kasse gebeten, um die Unterhaltsverpflichtungen aus erster Ehe ihres Mannes zu gewährleisten.

Was Wunder, dass allein in Deutschland eine Million Kinder von Sozialhilfe leben muss, weil ihre Eltern trotz größter Anstrengungen die Existenzsicherung nicht mehr gewährleisten können ?

Die Familie steht auf dem Prüfstand wie selten zuvor. Die Zeitspanne ist erst kurz, sie dauert noch keine hundert Jahre, seit die Liebe verwandter Seelen als das zentrale Moment der Ehe verklärt wurde. Noch weniger Zeit ist vergangen, seit Sex als das wahre zentrale Moment der Liebe und Alleinseligmacher entlarvt wurde. Typischerweise und ungeachtet des anatomischen Widersinns klingt die heutige Liebeserklärung auch aus Mädchenmund etwa so: "Ich steh auf Dich!" Wenn dann nichts mehr steht, ist alles aus. Verpufft im kurzen Glanz des Feuerwerks der Leidenschaft. Zurück bleiben ausgebrannte Menschen, die einander nichts mehr zu bieten, aber alles zu nehmen haben.

Dass Familie mehr ist als eine Romanze zwischen einem Mann und einer Frau, ja, dass Liebe sehr viel mehr ist als Sex und die Hitze des Begehrens, ging in der Verklärung und der Überfrachtung des Gefühls mit unerfüllbaren Heilserwartungen verloren. Erzählen Sie heute, dass Ehe eine tägliche, zuweilen stündlich mit bewusstem Willen zu erneuernde Bereitschaft umschließt, den anderen verstehen, respektieren und ihm verzeihen zu wollen und zwar über das spontane Verstehenkönnen hinaus, werden Sie als hoffnungslos altmodisch abgetan. Bestenfalls! Wer tatsächlich mit ein und demselben Partner lebenslang zusammen bleibt, wird suspekt. Bei der/dem stimmt doch was nicht? Da muß doch etwas faul sein. Da kann die Frau doch nur ein "unselbständiges Sorgenhaferl" und der Mann doch bloß ein "impotenter Verklemmter" sein. "Stinos" müssen das sein, stinknormale Alleswegstecker, die sich nur nicht getraut haben, sich scheiden zu lassen, obwohl sie es sich garantiert ebenso so oft gewünscht haben wie andere, die schließlich mutiger waren.

Geschieden zu sein, alleinerziehend gar, ist heute die gepriesene Lebensform. Bei Frauen ist es DER Beweis für Lebensenergie, Durchstehvermögen, Mut und Selbstbewußtsein. Nur "Powerfrauen" trauen sich und lassen sich scheiden, ehe sie sich unterbuttern lassen. Wenn sie nicht mehr "auf ihn steht", schickt sie den Versager in die Wüste. Warum sich denn irgendeinen Zwang antun, warum denn auf das eigenen ich verzichten, warum denn Begrifflichkeiten wie Loyalität, Nachsicht, Rücksicht ausleben? Schließlich bedeutet Liebe Spaß und zwar endlos. Oder? Wenn's der Typ nicht bringt, dann Ex und Hopp. Es gibt ja Nachschub. Schließlich zeigt jede Geburtenstatistik, dass in Friedenszeiten ein Männerüberschuß geboren wird.

Bei Männern wird der Status Geschieden eher zum Stigma. Es beweist, dass ist ein Typ, der hat's irgendwie nicht gebracht. Außerdem hat er kein Geld mehr. Also Vorsicht, Schwestern. Zugleich hat er aber auch den Nimbus der verletzten Seele. Ein Mann im Flor der Trauer um eine verlorene Liebe hat etwas hocherotisch Morbiles. Das weckt die Hingabe der Retterinnen.

Immer häufiger werden Stimmen laut, die eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte verlangen und den Staat auffordern, Familien als Keimzelle der Gesellschaft stärker zu schützen. Sicher ist dies berechtigt. Aber kann dies nur Sache des Staates sein?

Längst vor den Scheidungsgesetzen von 1977 und den damit verbundenen Nachbesserungsversuchen waren die Zeiten vorbei, in denen zwei Menschen eine Familie bildeten, weil es galt, gemeinsam stärker zu sein, überlebensfähiger, vielleicht auch vermögender. Vorbei auch die Zeiten, in denen man einander achtete, weil man ohne den anderen nicht bestehen konnte und dies gegenseitig wußte. Längst vor diesen Gesetzen trumpfte jede/r auf, er könne alles allein. Und heute? Heute braucht einer den anderen nicht und ist stolz darauf, auf eigenen Füßen stehen zu können. Nur Sex macht zu zweit mehr Spaß. Also tut man sich zusammen, solange es rote Rosen regnet und einer "auf den anderen steht". Wenn es vorbei ist, folgt der Rosenkrieg. Je dorniger und schmerzhafter, desto besser. Schließlich muß man dem anderen ja beweisen, dass man ihn nicht braucht und nie gebraucht, sich lediglich geirrt und schon die nächst bessere Wahl getroffen hat.

Wenn der Ruf nach Familie erhoben wird, ist es nicht genug, nach dem Staat zu verlangen. Zuallererst muß der Einzelne an sich arbeiten, um den Boden für eine echte, über Sex und Kurzzeitfeuer hinausgehende Beziehung zu bereiten. Werte wie Treue, Vertrauen, Achtung werden niemandem geschenkt. Werte sind Saatgut. Ehe man ernten kann, steht Arbeit an. Nur wenn man sich darauf besinnen wollte, dass nicht Sex und Spaß ohne Ende die Basis der Liebe sind sondern dauerhafter gegenseitiger Respekt, könnte es gelingen, Familiengefühl als dauerhaften, erstrebenswerten Lebensinhalt neu zu beleben.

Wie immer man zu Kirche und Christenglauben stehen mag, so ist die Bibel doch eines der aufschlußreichsten und interessantesten Bücher der Welt und enthält eine Fülle an Lebensweisheiten. Der Spruch "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist einer der ganz besonderen. Es ist wahr, wer Liebe geben und empfangen will, muß nicht nur den anderen lieben, sondern auch sich selbst. Er muß sich selbst erkennen, muß wissen, was er will und braucht, wie weit er dem anderen entgegen kommen kann, ohne sich selbst zu verlieren, muß die eigenen Grenzen kennen. Nur dann ist man fähig, für den anderen offen zu sein, seine Grenzen wahrzunehmen und nicht zu verletzen.

Es war eine der fatalsten Irrlehren der Kirche, dieses Bibel-Gebot mit dem Schwerpunkt der Nächstenliebe anzuwenden, anstatt die Eigenliebe einzubeziehen. Ganz gleich, wie kirchenfern sich die Menschen heute wähnen, manche Lehren sitzen tief wie Instinkte. Sie wurden jahrhundertelang immer wieder übermittelt, immer tiefer verinnerlicht. Sie wurden zum Automatismus. Einer dieser Automatismen ist es, dass jede/r als egoistisch verpönt wird, der sich dazu bekennt, sich selbst "ganz okay" zu finden. Eines der wichtigsten Ziele in der Kindererziehung ist es bis heute, Kindern die natürliche Eigenliebe auszutreiben, indem man sie lehrt, dass man eitel, selbstsüchtig, ja, schlecht ist und sich schämen muß, wenn man so eingebildet von sich selbst denkt oder gar redet. "Eigenlob stinkt" ist eine der Formeln, die im Hinterkopf haften bleiben und dazu führen, dass man zwar Tadel relativ gut verkraftet, aber bei Lob vor Verlegenheit errötet und im Erdboden versinken möchte.

Wieviel leichter hätte wir alle es miteinander, wenn es gelänge, weder von sich selbst noch vom anderen Fehlerlosigkeit zu verlangen und die kleinen oder größeren Schwächen im Spiegel der eigenen Unzulänglichkeit zu akzeptieren. Wenn Mann und Frau einander wieder das sein wollten, was sie letztlich füreinander sind: verschiedenartige, aber einander ebenbürtige, gleichwertige Gefährten, die erst miteinander ein Ganzes bilden. Wenn Kinder uns als eigenständige, mit eigenen Rechten und unantastbarer Würde ausgestattete Persönlichkeiten bewußt wären, die niemand als Besitz behandeln, sexuell und emotional ausbeuten und für eigene Zwecke mißbrauchen darf. Auch Mütter und Väter nicht.

Geben wir uns selbst und einander doch wieder einmal öfter eine Chance, wenn etwas nicht sofort und immer perfekt klappt, anstatt den "Apfel der Liebe" sofort zu verwerfen, weil er eine faule Stelle hat oder irgendwo der Wurm drinnen ist. Ob der Schöpfergott nun Busen oder Penis hat und Adam aus Evas Rippe oder Evas aus der seinen geschaffen hat, ist letztendlich ebenso unwichtig wie die Frage, wer wem den "Apfel der Liebe" zuerst gereicht hat. Entscheidend ist, dass der Apfel miteinander verspeist wird. Und sollte er wirklich einen Wurm enthalten nicht zu vergessen, dass eines Tages daraus ein Schmetterling wird. Man muß nur ein wenig Geduld haben und warten können.